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Leben und arbeiten im Wohnmobil

Im Wohnmobil unterwegs

Fremde Länder bereisen und zugleich dort leben und arbeiten – diesen Traum hat sich André Christen in der Lebensmitte erfüllt. Seit 2018 lebt und arbeitet der ehemalige Erzieher und heutige Webentwickler im Wohnmobil. Der Startpunkt für sein Leben als digitaler Nomade, das ihn bislang durch 26 Länder geführt hat, war ein Burnout. Mit Joachim Zdzieblo sprach er über seine Motivation, sein Leben radikal zu ändern, wie er den Wandel eingefädelt hat und welche Ideen er für die Zukunft hat. Und er gibt wichtige Tipps für Männer, die sich auch ein Leben im Camper vorstellen können.

André, gab es einen Punkt in den letzten fünf Jahren, an dem Du gespürt hast: Die Entscheidung, im Wohnmobil zu leben und zu arbeiten, war genau die richtige?

Diese Punkte gibt es ständig, aber letzten Endes, wo ich es besonders intensiv spüre ist, wenn ich wieder eine Entscheidung treffen darf, die mich spontan irgendwo hinbringt, was ich vor einem halben Jahr vielleicht noch gar nicht gedacht hätte. Also immer wieder spontan aufs Leben, auf die Arbeit, was auch immer da heraus passiert, zu reagieren und reagieren zu können und frei entscheiden zu können, wieder mich neu auszurichten. Das ist, glaube ich das, wo ich immer wieder merke: Ja, alles richtiggemacht, genauso möchtest Du’s haben und nicht mehr anders.

Fünf Jahre sind ja auch eine ganz schön lange Zeit. Du bist Pädagoge und hast mit dem Abschluss der Erzieherschule einen kometenhaften Aufstieg erlebt: Du wurdest Du sofort Leiter eines großen Kindergartens mit fünf Gruppen, 20 Mitarbeiterinnen und 120 Kindern. Du hast 15 Jahre in dem Beruf gearbeitet, bist dann in einen Burnout gerutscht. Von einem Tag auf den anderen hast Du gesagt: Ich mache diesen Job nicht mehr. Und hast Dich dann mit Mitte 40 selbständig gemacht und entschieden, digitaler Nomade zu werden, also was ganz Anderes zu machen. Das kann, von außen betrachtet, wie eine Flucht aussehen. War es das?

Es war keine Flucht, aber natürlich spielt das irgendwie mit rein. Aber vielleicht um den Unterschied zu erklären: Ich habe nach zehn Jahren Erzieherdasein den Job gewechselt und bin zu einem anderen Träger gegangen. Und das war tatsächlich eine Flucht. Ich wollte bei dem alten Träger nicht mehr sein und habe fluchtartig das Haus verlassen und den Träger gewechselt.

Dieses Mal war es aber so, dass es nicht Flucht vom Erzieherdasein war oder aus dem Job oder dem Privatleben, sondern dass es wirklich so ein „hinzu“ war. Ich wollte mich verändern. Ich wollte einen anderen Lebensabschnitt starten. Also die Motivation war einfach eine andere als fünf Jahre zuvor.

Aber der Knackpunkt war schon, dass Du gesagt hast: Ich möchte diesen Beruf als Erzieher nicht mehr ausüben.

Ja. An dem Tag, an dem ich zu meinem Chef gegangen bin und gesagt habe, ich gehe jetzt nach Hause, ich kann nicht mehr, es geht nicht mehr, habe ich ihm auch gleichzeitig gesagt: Ich komme nicht wieder. Besetzt die Stelle neu!

Das ist ja immer eine Frage, wenn jemand lange krank ist: Wann kann ich die Stelle neu besetzen? Kann ich sie nur vertretungsweise besetzen? Und gerade in einer leitenden Funktion, fand ich, habe ich auch die Verantwortung, grünes Licht zu geben und zu sagen, so sieht’s bei mir aus und nicht anders. Und das Erste, was er mich damals gefragt hat, war: Wie kann ich Dich unterstützen, wie kann ich Dir helfen, damit Du da gut rauskommst? Also es war ein tolles Miteinander, aber ich war von Anfang an sehr klar und habe gesagt, ich möchte nicht in diesen Job zurückkommen. Das ist mir einfach zu viel. Ich habe mich da aufgerieben und da spielten verschiedenste Dinge rein. Und deshalb war ich da für mich so klar und das bereue auch keinen Tag.

Viele Menschen in meinem Umfeld, eigentlich alle, haben nur den Kopf geschüttelt und gesagt: Lass dir doch die Tür offen, wie man das halt so sagt und macht. Nein, für mich war das ganz wichtig, das klar zu haben. Ich gehe da nicht wieder hin.

Um dann auch die Genesung einzuleiten und zu sagen: Ich kümmere mich erstmal darum, dass ich wieder auf die Beine komme, und habe nicht im Hinterkopf: Ich muss wieder in diesen Beruf zurück.

Genau. Am Anfang hatte ich schon noch die Idee pädagogisch zu wirken, mich in dem Berufsfeld selbstständig zu machen, aber es war mir klar: Ich will nicht mehr in einer Einrichtung arbeiten und nicht mehr diesen Nine-to-five-Job machen.

Trotzdem: Du hast die Arbeit mit Kindern geliebt.

Ja!

Yani Neugebauer vom Gründungszentrum 50plus aus der Episode 4 würde über Dich sagen, dass Du ein Menschenmensch bist – einer der Menschen liebt und gerne mit Ihnen arbeitet. Jetzt bist Du Webdeveloper, kümmerst Dich um HTML-Seiten, Webshops und Podcasts Deiner Kunden, lebst und arbeitest allein. Das ist ein großer Unterschied. Wie bringst Du das zusammen?

Ja, das fällt mir manchmal auf die Füße, denn ich bin tatsächlich ein Menschen-Mensch. Ich brauche Menschen um mich herum und ich brauche Menschen, mit denen ich irgendwie interagieren kann, mit denen ich zusammen bin. Ich versuche natürlich, möglichst viele Kontakte online zu halten, um mich dann im wirklichen Leben mit diesen Menschen wiederzutreffen. So sind viele Freundschaften über viele Jahre und über viele Kilometer auch erhalten geblieben.

Ich habe schon mal den Break gemacht, als ich von Süddeutschland nach Norddeutschland gezogen bin. Da sind auch viele vermeintliche Freundschaften auf der Strecke geblieben, aber die wirklichen Freundschaften sind geblieben, auch damals schon. Ich habe ja dann über 20 Jahre an der Nordsee gelebt und die Freundschaften sind nach wie vor sehr innig, die ich noch in meinem, ursprünglichen Heimatort im Süden Deutschlands habe. Das ist so.

Ich brauche Menschen und deshalb brauche ich auch immer wieder Breaks, wo ich nicht alleine bin, wo ich mit Menschen offline auch zusammen bin.

Ja, Live-Treffen. Vermisst Du nicht trotzdem die Arbeit mit Kindern und mit Eltern ein bisschen? Oder sagst Du: Nein, das ist abgeschlossen, das ist vorbei?

Das ist tatsächlich so. Und je länger die Phase dauert, in der ich diesen Beruf nicht mehr ausübe, desto intensiver wird dieses Gefühl. Am Anfang war das noch ein bisschen ambivalent für mich, aber mittlerweile ist es wirklich so, dass ich mein jetziges Leben sehr genieße.

Rückblickend kann ich sagen: Ich hatte eine tolle Zeit in dieser pädagogischen Arbeit. Das war eine wirklich schöne Zeit. Ich habe das geliebt. Ich habe sehr gerne mit Eltern und Kindern gearbeitet, aber das war ein Teil meines Lebens und der ist abgeschlossen.

Wie hat denn Dein Umfeld reagiert, als Du verkündet hast, dass Du Dich für lange Zeit auf den Weg machst? Deine Eltern leben noch, Deine Tochter war gerade volljährig. Wie haben die das aufgefasst?

Das erste Gespräch habe ich natürlich mit meiner Tochter geführt, ob sie sich das vorstellen kann. Es war schon länger angedacht, dass ich, wenn sie mit der Schule fertig ist, mal ein Sabbatjahr mache. Das wäre bei meinem damaligen Arbeitgeber auch möglich gewesen. Insofern war die Idee des längeren Reisens nicht ganz neu für alle.

Ich war damals schon über ein Jahr zu Hause und habe mich weitergebildet. Und dann habe ich das entschieden und das erste Gespräch war eben mit meiner Tochter, die noch ein Jahr bis zum Abitur hatte.

Sie hat zu mir gesagt – und jedes Mal, wenn ich das erzähle, habe ich Gänsehaut: Du hast Dich jetzt 18 Jahre um mich gekümmert, jetzt bist Du mal dran. Das war ihr erster Satz und das war einfach ein Traum. Und danach war klar: Jetzt kannst Du los. Alle anderen waren mir, in Anführungszeichen, egal. Ich muss das für mich machen und wichtig war, dass meine Tochter damit leben kann. Und es war natürlich nicht von Anfang an geplant, dass es so lange dauern wird.

Ich habe immer gesagt: Ich probiere das ein Jahr, ich ziehe das ein Jahr durch, irgendwie muss das klappen für ein Jahr und dann sehen wir weiter. Es war dann in den ersten Monaten relativ schnell klar, dass es wohl länger dauern wird als ein Jahr, weil alles gut geklappt hat und es mir sehr gut mit dieser Art des Lebens ging.

Also, Du hast Dich entschieden. Du hast den Segen Deiner Tochter bekommen, was furchtbar süß ist. Wie war der weitere Prozess? Du musstest ja dann deine Sachen, deine Möbel bis zum Auszug aus der Wohnung verkaufen. Das war sicher viel Arbeit, aber wahrscheinlich auch emotional nicht so einfach, oder?

Es war wahnsinnig viel Arbeit. Der Mensch ist Jäger und Sammler und ich bin auch ein gutes Exemplar dafür immer gewesen. Und ich glaube, für ein Wohnmobil habe ich immer noch viel Zeug. Ich bin schon viel besser geworden, aber ich bin nach wie vor Jäger und Sammler.

Ein halbes Jahr, bevor ich losgezogen bin, habe ich meine Wohnung gekündigt. Auch wieder so ein Schritt für mich, wie dem Chef zu sagen, ich komme nicht wieder, dem Vermieter zu sagen, jetzt ist Schluss, in einem halben Jahr ziehe ich aus. Ich brauche diesen leichten Druck von außen, den ich mir selbst auferlege.

Klar hätte ich wieder eine Wohnung gefunden oder meinem Vermieter zwei Monate vor dem Auszug sagen können: Du, ich bleibe doch noch. Aber das war für mich eben wichtig, das so zu unterschreiben und die Kündigung abzugeben. Und dann ging es los, dass ich entrümpelt, verkauft, verschenkt habe. Klar, manche Teile waren emotional belegt, aber bei den allermeisten Dingen hat es mir eine unheimliche Freude gemacht, dass Menschen diese Sachen neu nutzen können. Und bei jedem Ding, das über die Schwelle ging, war das für mich ein inneres Fest. Und ich konnte natürlich damit auch meine Reisekasse aufbessern.

Das war schön und hat mich tatsächlich kaum belastet. Ganz wenige einzelne Stücke, wie zum Beispiel ein paar Kristallgläser von meiner Oma, sind auf dem Dachboden eingelagert. Insofern war das eher für mich befreiend. Ich muss mich um jedes Ding, das über die Hausschwelle geht, nicht mehr kümmern.

André Christen (Foto: privat)
Das sind wir schon beim Thema: Digitaler Nomade zu sein heißt auch, auf Besitz zu verzichten. Wie fühlt sich das an, wenig zu besitzen?

Super gut. Ich vermisse nichts, weil ich die Dinge, die ich brauche, bei mir habe. Und wenn ich mal irgendetwas nicht habe, von dem ich denke, ach, das hättest Du jetzt in der Wohnung vielleicht noch gehabt, finden sich immer Mittel und Wege, dass man das trotzdem irgendwie geregelt bekommt. Mir fällt jetzt gerade kein Beispiel ein. Das hat sich im Laufe der Jahre auch verändert. Ich bin immer wieder dabei, meine paar Schränke im Wohnmobil auszumisten und durchzugucken.

Ich schaffe es leider noch nicht, dass für jedes Teil, das einzieht, ein anderes rausfliegt. Aber ich schaffe immer wieder neuen Platz, in dem ich Dinge rauswerfe. Ich habe halt einen beschränkten Raum und ich vermisse auch die Dinge nicht, die da auf dem Dachboden der Mutter meiner Tochter sind. Das sind ein paar Sachen, an denen ich emotional hänge und bei denen es auch keinen Sinn ergibt, sie wegzugeben. Ich habe die Möglichkeit sie einzulagern, aber das sind nur noch, glaube ich, zehn Boxen und das war’s. Das sind hauptsächlich Erinnerungsstücke an meine Kindheit und an meine Oma und ein paar offizielle Sachen wie Zeugnisordner.

Das klingt nach innerer Freiheit, wie Du das jetzt beschreibst. Gibt es Zeiten, in denen Du Dir Dein altes, sesshaftes Leben zurückwünscht? In einer Wohnung zu sein, irgendwo fest verankert zu sein in einem Ort? Deine Freunde, deine Tochter in unmittelbarer Nähe zu haben?

Es gibt immer wieder mal Tage, wo ich denke: Ach, das wäre jetzt schön, näher dran zu sein oder mich auf einem fetten Sofa zu lümmeln bis hin mal eine Badewanne zu nutzen. Aber diese Zeiten kann ich an einer Hand abzählen.

Das ist auch das Thema allein sein, einsam sein. Bei mir ist es eben so, dass ich gerne alleine bin. Ich kann gut mit mir alleine sein und es passiert mir nur sehr selten, dass ich einsam bin. Und wenn das passiert, dass ich einsam bin, dann habe ich eben wieder diese Freiheiten, von denen ich anfangs sprach, das sofort zu ändern. Das habe ich auch schon getan, da bin ich aus dem Ruhrpott aufgebrochen und innerhalb von ein paar Stunden nach Nordfriesland gefahren zu meinen Lieben, weil ich einsam war an dem Tag, weil es mir nicht gut ging an dem Tag. Aber diese Tage konnte ich in den letzten fünf Jahren an einer Hand abzählen.

Es gibt ja auch Communities von digitalen Nomaden, und ich weiß aufgrund Deines Podcasts, dass Du hier nicht nur Online-Kontakte hast, sondern die auch ab und zu triffst.

Genau. Ich bin gerade wieder auf dem Weg zu sehr guten Freunden nach Nordschweden. Ich bin jetzt ungefähr in der Mitte von Schweden und werde die besuchen bis ungefähr Ende Oktober. Wir werden zusammen noch den Norden von Schweden bereisen, vielleicht nach Norwegen rüberhüpfen, mal gucken.

Und die kenne ich tatsächlich schon, bevor ich losgezogen bin, weil sie als Familie bereits auf Reisen waren. Und so habe ich immer wieder durch die Communities Kontakt zu Leuten, die im Camper leben und auch aus dem Camper heraus arbeiten. In der Community bin ich auch sehr engagiert. Das sind im Prinzip auch meine Kunden, weil ich für sie den Podcast moderieren darf. Da finden sich immer wieder Gleichgesinnte und es ist sehr schön, dass immer wieder mal Offlinetreffen stattfinden, entweder mit der ganzen Community, also Gruppentreffen, oder eben mit einzelnen Leuten. Es haben sich in den fünf Jahren schon etliche, wirklich intensive Freundschaften dadurch gebildet, für die ich sehr dankbar sind. Diese Freundschaften würde es nicht geben, würde ich nicht online tätig sein und mich mit denen vorher getroffen haben.

Kommen wir mal zu Deinem Alltag als digitaler Nomade. Wie läuft denn ein Arbeitstag bei Dir ab? Hast Du Routinen?

Ich habe ein paar Routinen, aber die sind, sage ich mal, noch ausbaufähig. Das ist so eine Sache, wo ich in den letzten Monaten auch immer wieder mit mir hadere und an mir selbst anecke. Da kann ich wirklich noch besser werden. Ich bin bekennender Spätaufsteher und ich versuche, nach dem Frühstück irgendwann in die Arbeit zu kommen und die ersten zwei, drei Stunden zu arbeiten.

Das ist dann um wie viel Uhr?

Zwischen zwölf und 15, 16 Uhr. Da versuche ich, ein Arbeitsfenster einzubauen. Das mache ich auch sehr individuell, je nach Arbeitsanfall, aber eben auch nach der Situation vor Ort. Wenn ich zum Beispiel einen super schönen warmen Tag habe und ich möchte etwas besichtigen oder eine Wanderung machen, dann mache ich das auch mal in dieser Zeit.

Dafür arbeite ich dann abends bis zehn, elf, zwölf Uhr. Ich bin ein Nachtmensch und gehe selten vor Mitternacht zu Bett. Ich arbeite auch sehr gerne zwischen 18 und 24 Uhr. Das ist eine Zeit, in der ich sehr produktiv bin, wo auch mein Biorhythmus noch mal Fahrt aufnimmt. Ich habe ja all die Jahre gegen meinen Biorhythmus gearbeitet.

Das ist eben eine Freiheit, die ich mir nicht mehr nehmen lassen möchte. Es gibt aber auch Tage, an denen ich um zehn schon ein Kundenmeeting habe. Diese Tage sind aber wirklich selten, weil ich meine Kunden dahingehend erzogen habe. Die wissen auch, dass ich gerne ausschlafe, und dann machen wir halt ein Meeting erst mittags oder nachmittags.

Dafür biete ich auch Meetings abends um acht an. Das wissen einige Kunden auch sehr zu schätzen, weil sie zum Beispiel Webseiten für ein Sidebusiness haben oder ein Hobbyprojekt. Die sind dann froh, dass sie tagsüber normal arbeiten können und abends mit mir dann an ihrer Webseite Veränderungen vornehmen können.

Viele, die von zu Hause aus arbeiten, haben ein Arbeitszimmer, so wie ich jetzt auch, und bei Dienstschluss verlassen sie das Zimmer und wechseln in den Privatmodus. Dein Arbeitszimmer ist zugleich Dein Wohnraum. Wie kannst Du Dich da abgrenzen?

Das ist tatsächlich ein kleines Problem. Als Solo-Selbstständiger habe ich das Gefühl, dass ich immer irgendwie arbeite und immer auf Bereitschaft bin. Das Handy ist immer am Start, und wenn ein Kunde abends eine E-Mail schickt, dann gucke ich da drauf und dann kann es sein, dass ich an einem Onlineshop etwas machen muss, weil etwas gerade nicht funktioniert. Das passiert selten.

Ich versuche, dass ich mein Arbeitssetup – einen Laptopständer, eine externe Tastatur, eine Maus und so weiter – dann wirklich wegpacke, wenn ich nicht mehr arbeiten möchte.

Hinzu kommt, dass ich den Laptop nicht nur für die Arbeit nutze, sondern auch privat, um mal einen Film zu gucken. Dann mach ich alle arbeitstechnischen Programme wie das E-Mail-Programm oder irgendwelche To-do-Listen aus. Also ich muss schon gucken, dass ich die arbeitsrelevanten Dinge ausblende und ganz bewusst Pausen für mich plane.

Mit einem Wohnmobil kann man sich ja theoretisch an jedem Parkplatz oder an Waldrändern hinstellen. Aber ab und zu muss man Strom und Wasser tanken, die Toilette entleeren und dann muss man zu einem Stellplatz oder Campingplatz. Wie oft parkst Du frei, wie oft übernachtest Du auf einem Campingplatz oder versorgten Stellplatz?

Das ist davon abhängig, in welcher Gegend, in welcher Region ich gerade unterwegs bin. Es kommt hin und wieder vor, dass ich nur einmal im Monat auf einem Stellplatz oder auf einem offiziellen Campingplatz bin. Es kann aber auch sein, dass ich in einer Region bin, wo es schwierig ist und wo ich dann ein, zwei Mal die Woche sogar auf einem Platz bin.

Ich versuche, wenig auf Plätzen zu sein, weil das auch ein Kostenfaktor ist, den ich möglichst geringhalten möchte. Und weil ich auch lieber freistehe. Das ist einfach ein schöneres Gefühl. Das ist aber nicht überall möglich und deshalb muss ich dann hin und wieder auf einen Stellplatz. Dann suche ich aber immer Plätze aus, die ein bisschen freier, ein bisschen anders sind. Also gerade hier in Schweden kann man das gut machen, zum Beispiel an Sportboothäfen. Da sind dann fünf bis zehn Stellplätze für Wohnmobile.

Beim Strom bin ich völlig autark. Da muss es schon wirklich tagelang richtig schlechtes Wetter sein, dass ich nicht genug Strom über mein Solarpanel reinbekomme. Und Wasser kriegt man eben auch mal an der Tankstelle aufgefüllt oder ich fahre nur mal an einen Stellplatz zum Ver- und Entsorgen.

Du machst auch Videokonferenzen und arbeitest an Webseiten. Da brauchst Du ein stabiles Netz. Auf Campingplätzen bist Du selten. Da gibt es manchmal WLAN, das mehr oder weniger gut ist. Wie machst du das, wenn du frei parkst? Wie löst du das Problem mit dem Netz?

Ich habe mir am Anfang in jedem Land, in dem ich war, eine Prepaid-SIM-Karte geholt und diese dann über das Internet wieder aufgeladen. Manchmal musste ich in irgendwelche Shops und Datenvolumen nachkaufen.

Seit über zwei Jahren habe ich einen großen Vertrag mit einem großen deutschen Mobilfunkanbieter, der mir erlaubt, in sämtlichen EU-Ländern und in Ländern im EWR-Raum, wie Norwegen oder Schweiz, komplett Internet zu nutzen. Das heißt, ich habe eine Flatrate in der gesamten EU und das ist natürlich schon sehr komfortabel. Es ist zwar auch teuer, aber für mich im Prinzip die einzige große Ausgabe, die ich dienstlich habe. Das ist einfach mein Arbeitswerkzeug und funktioniert sehr gut. Ich habe zwei Karten, eine ist im Smartphone und die zweite steckt in einem Router im Wohnmobil, der mir dann besseres Netz gibt, wenn am Smartphone die Verbindungsqualität nicht mehr ganz so gut ist.

Bleibt denn in Deinem Arbeitsalltag noch genügend Zeit, das Land, die Umgebung, in der Du Dich gerade befindest, kennenzulernen?

Die Zeit nehme ich mir. Das ist eben das Schöne, dass ich nicht in drei Wochen das Land bereist haben muss, sondern ich mir die Zeit nehmen kann, wie ich möchte. Manchmal habe ich auch Termine, aber das ist alles selbstgemacht von mir.

In der Regel kann ich mir die Zeit nehmen und dann sage ich mir: So jetzt arbeite ich mal zwei Tage intensiv durch, um wieder ein Stück wegzuhaben. Und dann mache ich zwei Tage Sightseeing oder ich wandere oder nutze die Zeit zum Fahren.

Wenn ich jetzt zum Beispiel ein Ziel vor Augen habe wie im Moment, wo ich einfach nochmal 1500 Kilometer wegschaffen muss und ich die nächsten Tage irgendwann auch ankommen möchte, um meine Freunde zu besuchen Dann nutze ich solche Tage und fahre dann auch mal vier, fünf Stunden. In der Regel fahre ich aber nicht so lange. Wenn ich für mich alleine reise und kein richtiges Ziel habe, dann fahre ich vielleicht 50 Kilometer am Tag oder auch mal 100, aber keine ewig langen Distanzen.

Foto von Tobias Tullius auf Unsplash
Hast Du auch eine Art Jahresrhythmus? Ich weiß, Du überwinterst im Süden, sehr gerne in Griechenland. Wie verbringst du die anderen Jahreszeiten?

In der Regel bin ich von Mai bis Oktober in Deutschland. Ich habe meine Stammfamilie im Süden bei Freiburg am Kaiserstuhl. Da komme ich ursprünglich her und dort habe ich bis zum meinem 25. Lebensjahr gelebt. Hier besuche ich meine Eltern, meinen Bruder, Verwandtschaft und gute Freunde.

Und dann habe ich meine zweite Heimat im Norden, als ich 1997 nach Nordfriesland gezogen bin. Ich habe dort meine Familie gehabt, meine geschiedene Frau, meine Tochter leben dort. Mit ihnen habe ich noch einen super Kontakt, und wir fahren zusammen auch in den Urlaub.

Die Regel ist im Sommer eher Deutschland oder mal Skandinavien. 2020 habe ich zum Beispiel im Sommer eine Tour durchs Baltikum gemacht, nach Finnland, ans Nordkap hoch, nach Norwegen und wieder zurück über die Lofoten. Da war ich tatsächlich mal 90 Tage im Sommer unterwegs.

Das war die größte Tour, die ich gemacht habe. Im Winter dann im Süden, die letzten zwei Winter war ich in Griechenland, dazwischen, pandemiebedingt, auch mal Deutschland. Das war ein ziemlich harter Winter, weil es einfach dann auch kalt war, und das macht im Wohnmobil dann nicht wirklich Spaß.

Das glaube ich. Jetzt gibt es vielleicht den einen oder anderen Mann, der hier zuhört und sagt: Mit meinem Job kann ich das auch machen. Ich kann auch digitaler Nomade werden. Da gibt es aber gewisse Regeln, zum Beispiel steuerliche Regeln, wie lange man pro Jahr im Ausland arbeiten darf, ohne dort steuerpflichtig zu werden. Ich glaube, das sind 183 Tage. Wie lange bist Du pro Jahr im Ausland?

Ja, das ist so. Allerdings bin ich auch mal länger als 90 Tage in einem Land. Dann muss man sich zum Beispiel in Griechenland eigentlich polizeilich melden und sagen, ich bin länger als 90 Tage da. Das wird aber in der Praxis nicht gemacht.

In der Praxis ist es in Ordnung, wenn man nicht länger als ein halbes Jahr in einem Land ist. Und das war ich bislang noch nie. Steuerlich ist es so, dass meine Kunden bislang alle in Deutschland sitzen, auch wenn ich jetzt gerade einen norwegischen Kunden habe. Und wenn man nachweisen kann, dass das Geschäft nur in Deutschland läuft, dann ist es steuerlich gesehen nicht schlimm, wenn man länger in einem anderen Land ist, sonst käme das Ausgleichssteuerverfahren (Reverse-Charge-Verfahren) in Frage. Darum muss ich mich, Gott sei Dank, im Moment nicht kümmern, weil mein Business noch nicht so groß ist.

Was sind deine Top drei Do's für einen Mann, der sagt: Das mache ich jetzt auch?

Was mir damals wahnsinnig geholfen hat, mich zu entscheiden, war, eine Liste zu machen, was mir an meinem jetzigen Leben gefällt und was nicht. Ich war damals noch in psychologischer Begleitung. Man kann das auch allein machen, wobei mit Begleitung funktioniert das meistens noch einen Tick besser. Welche Fähigkeiten habe ich? Welche Fähigkeiten habe ich zwar, möchte ich aber nicht mehr einsetzen, wie zum Beispiel bei mir, Erzieher zu sein?

Dass man das gegenüberstellt, um einen Überblick zu haben. Wo befinde ich mich gerade und wo sind meine Leidenschaften? Was möchte ich wirklich machen? Da lohnt es sich zum Beispiel, auch nochmal in die Jugend und Kindheit zurückzublicken, was man damals intrinsisch motiviert getan hat, was man wirklich wollte und nicht was von außen auferlegt wurde oder weil der Job das so hergab.

Ja die klassische Reflektion in der Lebensmitte.

Letztendlich ja. Wir sind oft alle in unserem Hamsterrad drinnen, dass man sich das gar nicht mehr so genau anguckt. Aber das kann ich nur jedem empfehlen. Und wenn man sich von außen begleiten lässt, funktioniert das noch ein bisschen besser.

Dann finde ich immer wichtig, den ersten Schritt zu machen. Hashtag „einfach machen“, losgehen. Du musst einen Schritt machen. Du kannst alles zerdenken und überlegen, aber bevor Du nicht wirklich etwas veränderst, wird nichts passieren, weil das alles nur in Deinem Kopf ist. Es muss wirklich eine Veränderung vollzogen werden, damit ein Prozess in Gang gebracht wird. Und dieses Losgehen kann noch so klein sein. Man muss ja nicht gleich ins Wohnmobil ziehen oder den Job kündigen, sondern einfach kleine Dinge verändern und versuchen das Leben zu leben, nach dem man sich sehnt. Ich glaube, das ist ein ganz wichtiger Punkt.

Und der dritte Punkt ist, sich zu vernetzen. Mit Menschen, die schon irgendetwas in dieser Art und Weise gemacht haben, die schon einen kleinen Schritt voraus sind. Das müssen wieder keine Meilen sein, sondern kleine Schritte. Es gibt ja auch den Spruch: Umgib Dich mit den fünf Menschen, die Du sein möchtest. Wenn Du Dich aber immer mit den gleichen Menschen umgibst, dann wirst du nicht anders werden.

Ja, dann bleibst Du stehen.

Genau. Sich ein Netzwerk aufzubauen und zu gucken, wer macht etwas, wo es für mich hingehen könnte. Das ist ganz wichtig.

Dont’s? Tu das ja nicht!

Bleib nicht stehen, beweg dich!

Du hast selbst einen Podcast „Andre talkt anderswo“ und gibst hier Einblicke in dein tägliches Leben. Der kommt auch täglich heraus, aber nicht nur. Was erfährt der Hörer bei dir noch?

Ich habe vier Kategorien. Die erste Kategorie sind Reisegeschichten, die mich im Moment bewegen. Was gerade aktuell los ist, was ich an Reisen plane, aber auch wenn wir mal irgendetwas quersitzt, rede ich hier darüber.

Die zweite Kategorie sind Interviews, in denen ich Menschen interviewe, die auch schon etwas Mutiges oder Wahnsinniges gemacht haben.

Das ist ja auch der Untertitel Deines Podcasts.

Genau, das ist der Untertitel „…zwischen Mut und Wahnsinn“. Das rührt daher, dass viele Menschen zu mir gesagt haben: Mensch, das ist aber mutig, was du machst. Und ich habe immer gesagt: Ja, aber ich bin auch ein bisschen wahnsinnig dabei. Und solche Menschen, die irgendwas Mutiges oder Wahnsinniges gemacht haben, was weiß ich, ausgewandert sind nach Schweden oder mit dem Fahrrad 10.000 Kilometer geradelt sind, interviewe ich.

Die dritte Kategorie sind meine Lebenswegfolgen, in denen ich meinen Weg von der Kindheit an bis ins jetzige Leben erzähle, auch mit tiefgehenden Geschichten. Und da bin ich fast in der Jetztzeit angekommen. Da bin ich schon am Überlegen, wie sich das Format vielleicht verändern wird.

Und die vierte Kategorie ist der sogenannte Podlog, eine Wortschöpfung aus Podcast und Logbuch. Das ist ein Daily-Format, wo ich jeden Tag etwa drei Minuten kurz erzähle, was ich an diesem Tag erlebt habe, welche Herausforderungen ich hatte und wie es weitergeht. Das ist als Idee für einen Adventskalender im letzten Jahr entstanden, und nach ein paar Tagen habe ich gemerkt: Das macht Spaß und das Feedback von den Hörerinnen und Hörern war toll. Da habe ich gesagt, das mache ich jetzt weiter. Ich glaube, ich bin jetzt bei Folge 250.

Den Podlog kann man schnell hören, er ist flüssig und interessant. Kann ich jedem empfehlen. Du willst dein Wissen über dein Leben als digitaler Nomade nicht nur in deinem Podcast weitergeben, sondern künftig auch in Veranstaltungen. Was ist das für ein Projekt und wann geht es los?

Ja. Wann geht’s los, ist auch für mich die große Frage. Eigentlich war das für dieses Jahr schon geplant und ist durch verschiedenste Dinge ins Stocken geraten. Natürlich ist das auch ein Prozess in mir, der sich weiterentwickelt, aber ich möchte tatsächlich sehr gerne Vorträge halten, in denen ich Menschen inspirieren kann mit dem, was ich gemacht habe. In denen ich von meinen Erfahrungen erzähle und Menschen dazu bringen kann, über ihr Leben nachzudenken. Nicht morgen ins Wohnmobil zu ziehen, nicht morgen ihren Job zu kündigen, sondern über ihr Leben nachzudenken und zu überlegen: Ist das das Leben, das ich möchte und bin ich hier richtig, wo ich gerade bin?

Das möchte ich gerne vor Ort machen in Vorträgen. Ich habe letztes Jahr quasi eine Generalprobe bei einem befreundeten Weingut in der Wachau in Österreich gemacht, und das kam sehr gut an. Das war auch kein 20-Minuten-Vortrag, sondern zweimal eine Dreiviertelstunde. Ich erzähle auf der einen Seite meine Reisegeschichten, um den Vortrag unterhaltsam zu machen. Auf der anderen Seite berichte ich über mein Scheitern und Wiederaufstehen und Wiederweitergehen. Denn ich bin mit vielen Dingen in den letzten fünf Jahren auch gescheitert, aber ich bin immer wieder aufgestanden und weitergegangen. Das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich habe ganz viele Stolpersteine aus dem Weg geräumt in meinem Leben und weiß damit umzugehen. Und das möchte ich gerne weitertragen. Im Moment visiere ich das so an, dass ich den Vortrag über dem Winter im Süden weiter ausarbeite und im kommenden Frühling, wenn ich dann zurück bin aus der Überwinterung, mit der Reihe starte.

Dann sind wir gespannt, wie es mit dem Projekt weitergeht. Du hast Dir am Anfang Deiner Zeit als digitaler Nomade ein Jahr gegeben. Jetzt bist du fünf Jahre unterwegs und anscheinend glücklich. Wo siehst du dich in fünf Jahren?

Auch das habe ich aufgehört: Pläne zu machen, langfristige zumindest. Ich plane immer nur die nächsten Wochen.

Aber es ist tatsächlich so, dass ich mich in fünf Jahren nicht irgendwo in einer Steinwohnung sehe, dauerhaft zwölf Monate im Jahr. Was ich mir durchaus gut vorstellen kann, ist irgendwo eine kleine Base zu haben. Das kann ein Tiny House oder ein Mobile Home auf einem Campingplatz sein. Das kann auch eine 1-/2-Zimmer-Wohnung irgendwo auf dem Land sein mit ein bisschen Grün drumherum.

Aber es muss so sein, dass ich mich dadurch nicht verpflichtet und eingeschränkt fühle. Diese Freiheit muss einfach bleiben. Es muss Platz geben, mein Wohnmobil davor zu parken. Und im Idealfall ist das in der Umgebung, in der meine Tochter dann lebt, damit ich kurze Wege habe. Wenn ich dann mal zwei Monate in der Base bin, könnte ich sie schön offline treffen. Das ist der Wunsch, den ich habe und der auch in den nächsten fünf Jahren stattfinden kann. Mal sehen.

Titelfoto von Balkan Campers auf Unsplash

Der digitale Nomade André Christen
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Leben und arbeiten im Wohnmobil

Fremde Länder bereisen und zugleich dort leben und arbeiten – diesen Traum hat sich André Christen in der Lebensmitte erfüllt. Seit 2018 lebt und arbeitet der ehemalige Erzieher und heutige Webentwickler im Wohnmobil. Der Startpunkt für sein Leben als digitaler Nomade, das ihn bislang durch 26 Länder geführt hat, war ein Burnout.

In der Episode spricht André über seine Motivation, sein Leben radikal zu ändern, wie er den Wandel eingefädelt hat und welche Ideen er für die Zukunft hat. Und er gibt Tipps für Männer, die sich auch ein Leben im Camper vorstellen können.

Interessante Links:

Andrés Podcast im Netz: https://andre-anderswo.de/

Andrés Instagram-Kanal: https://www.instagram.com/andreanderswo/

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