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Im Heim aufgewachsen und als Verdingkind ausgebeutet

Markus, alias Meck, Walther wuchs in Heimen auf und arbeitete einige Jahre als Kindersklave auf einem Bauernhof. Später machte er Karriere, doch sein Leben blieb schwierig. Wie er in der Lebensmitte aus dem Schlamassel rausfand, darüber hat er in seinem Buch „Verdingkind“ geschrieben und im Podcast „Männer gestalten die Lebensmitte“ gesprochen.

Heutzutage undenkbar und uns Deutschen relativ unbekannt: Es gab bis in die 70er-/80er-Jahre in der Schweiz Kindersklaven, die dort Verdingkinder genannt wurden. Meck, Du warst auch jahrelang ein Verdingbub: Wo warst Du untergebracht und was waren Deine Aufgaben?

Ich war mehrere Jahre im Luzerner Hinterland auf einem Bauernhof. Dahin wurde ich „verdingt“. Der Name Verdingkind kommt daher, wenn Du von den Behörden in ein Heim, in eine Pflegefamilie oder auf einem Bauernhof zwangsplatziert wurdest. Und das ist mir passiert.

Wie alt warst Du da?

Sieben Jahre war ich da.

Wie muss ich mir Deine Aufgaben als Verdingbub vorstellen? Als 7-Jähriger geht man ja eigentlich in die Schule und spielt am Nachmittag und das war's. Aber das war nicht dein Alltag, oder?

Nein. Ich war da gerade frisch in der ersten Klasse und ich musste, bevor ich in die Schule ging, morgens früh, in den Stall und ihn saubermachen. Ich musste die Euter von 35 Kühen mit einem speziellen Fett einmassieren, dass, wenn der Bauer mit der Melkmaschine kam, das besser funktionierte. Das war schon heftig als 7-jähriger etwa anderthalb Stunden arbeiten, bevor Du in die Schule gehst.

Du musstest eigentlich immer arbeiten. Von morgens früh bis spät abends. Klar, ich durfte in die Schule gehen. Das war gut. Aber wenn Du nach der Schule nach Hause gekommen bist, musstest Du manchmal vor oder nach dem Mittagessen arbeiten. Du musstest auch am Abend arbeiten.

Grundsätzlich weiß man, dass man auf einem Bauernhof eine strenge Arbeit hat. Das ist normal. Auch, dass sie 24/7 stattfindet. Schwierig ist es dann, finde ich, wenn die eigenen Kinder [der Bauern] viel weniger arbeiten müssen wie Du selber. Das ist dann schwierig zu verstehen.

Da wurdest du schlichtweg ausgenutzt. Und das als Kind. Kinderarbeit heutzutage – das geht gar nicht.

Ja.

In Deinem Buch beschreibst Du, dass Deine Mutter an Krebs starb, als Du vier Jahre alt warst. Mit sieben bist Du dann Verdingbub geworden. Du hattest ja noch deinen Vater und zwei ältere Geschwister. Was ist zwischen dem Tod deiner Mutter und deinem Leben als Verdingbub in diesen drei Jahren passiert?

Mein Vater war mit der Situation, dass seine Frau gestorben ist, und mit uns drei Kindern überfordert. Man hat dann entschieden, dass wir alle drei zusammen in ein Heim kommen. Das war auch in der Nähe von Luzern. Ich war noch froh, weil wir zu dritt waren. Wenn Du plötzlich als Vierjähriger von Zuhause weg an einen neuen Ort kommst – meine Mama war nicht mehr da – dann verstehst Du das nicht. Ich war der Jüngste, der Kleinste. Da war ich sehr dankbar, dass meine Schwester und mein Bruder noch mit dabei waren.

Man fragt sich, warum Du dann vom Heim auf den Bauernhof gekommen bist? Das war nicht geplant, oder?

Nein. Dieses Heim war nicht wirklich ein gutes Heim. Ich wurde da zwar nicht geschlagen, aber es gibt einen schönen Spruch: Gewalt hat viele Gesichter. Ein Beispiel: In der Schweiz gibt es eine Spezialität. Ich weiß nicht, ob ihr die in Deutschland auch kennt. Die nennt sich Kutteln.

Ja, nicht mein Fall.

Danke, gleichfalls. Ist mir auch so gegangen. Du musstest dort trotzdem, auch wenn Du Kutteln nicht mochtest, einen ganzen Teller davon essen. Ich habe den mit Mühe runtergekriegt, ohne dass ich erbrechen musste. Das war eine lange Tafel, an der ungefähr 20 Kinder und Jugendliche gesessen haben.

Ich war mega-stolz, dass ich diese eine Portion ohne zu erbrechen runtergekriegt habe. Und dann kam der Heimleiter, hat mich gefragt, ob ich fertig sei und hat mir eine zweite Portion hingestellt. Das habe ich nicht verstanden, weil die Regel war: Eine Portion musst Du essen. Diese Regel habe ich erfüllt. Dann wurde ich gezwungen, die zweite Portion zu essen, und musste im hohen Bogen erbrechen.

Und manchmal kann es vorkommen, dass Erbrechen eine Kettenreaktion auslöst. Und das war auch hier der Fall: Ganz viele andere Jugendliche und Kinder mussten auch erbrechen.

Ich wurde dann gepackt, unter die eiskalte Dusche gestellt, abgeduscht und ins Zimmer gebracht – und hatte dann Zimmerarrest. Das ist einfach schwer zu verstehen. Du hast die Vorgaben, die Regeln eingehalten und wirst trotzdem drangsaliert und dann noch bestraft.

Eine ganz üble Form von Gewalt. Kann man nicht anders sagen. Das war also kein gutes Heim. Es ist dann auch geschlossen worden, oder?

Ja. Ich habe in diesem Heim auch sexuellen Missbrauch durch einen anderen Heimjungen erlebt. Es war mir aber in diesem Alter nicht bewusst, dass das nicht okay war. Ich habe erst mit 15 herausgefunden, was mir angetan wurde. Das war vielleicht auch gar nicht so schlecht, dass ich das erst mit 15 gemerkt habe.

Das Heim wurde nur von einem Heimleiterehepaar geführt, also von einem Mann und seiner Frau. Ich glaube, unter anderem diese Umstände haben dann dazu geführt, dass dieses Heim geschlossen wurde.

Wir Kinder wurden dann getrennt. Mein Bruder und meine Schwester kamen woanders hin und ich kam auf diesen Bauernhof. Das war wirklich heftig, weil Du niemanden mehr hattest und komplett fremd an einem neuen Ort warst. Das war schwierig für mich. Ich habe viel geweint am Anfang.

Das glaube ich. Du hast vor der Schule gearbeitet, nach der Schule gearbeitet, du hast am Abend gearbeitet. Bauernhof ist ein 24/7-Job, aber nicht als Kind. Was ist denn passiert, wenn Du nicht arbeiten konntest, weil die Arbeit körperlich zu schwer war oder Du mal krank warst?

Du wurdest geprügelt zur Arbeit.

Egal, was war? Ob Du krank warst oder die Arbeit zu schwer war?

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie oft ich krank war. Ich kann mich aber an einen schweren Unfall erinnern, den ich hatte. Mir ist ein Traktor mit dem Hinterrad über den Kopf gefahren und mein Kopf war 15-mal gebrochen. Ich wurde im Spital achtzehneinhalb Stunden notoperiert und unglaublicherweise nach 30 Tagen kerngesund aus dem Spital entlassen.

Eigentlich ein Wunder.

Definitiv, ja. Das sehe ich auch so, heute mit meinem Glauben sowieso. Für mich war das wie Ferien. Klingt komisch, aber ich war von diesem Bauernhof weg. Als ich dann zurückkam, hat man kurz darauf Rücksicht genommen und dann ging das gleiche Spiel wieder von vorne los. Wieder arbeiten, wieder prügeln. Du wurdest mit oder ohne Grund geschlagen, Du wurdest mit Peitsche geschlagen, Du wurdest mit der Faust geschlagen, mit Knüppeln. Du hast eigentlich alles erlebt.

Muss ich mir das so vorstellen, dass du täglich geschlagen wurdest?

Ja, das kannst Du Dir so vorstellen.

Markus Walther (Foto: Miriam Majaniemi)
In der Bauernfamilie gab es noch andere Kinder, die älter waren als du. Wie war das Verhältnis zu denen?

Es waren drei Kinder. Der Älteste hat mich am meisten geprügelt und geschlagen. Da musste ich unten durch. Die anderen zwei waren okay, die haben mich nie geschlagen.

Für mich war es einfach schwierig. Noch so ein Beispiel: Wenn ich zu spät von der Schule nach Hause gekommen bin, dann gab es Prügel, kein Essen und Zimmerarrest, bis ich wieder in die Schule musste. Wenn ihre Kinder zu spät von der Schule nach Hause kamen, wurde das Essen aufgewärmt. Das ist für einen Sieben-, Achtjährigen sehr, sehr schwer zu verstehen. Warum ich und nur ich?

Was hat das mit Dir, mit dem kleinen Markus innerlich gemacht? Wie hast du dich gefühlt?

Ist schwierig zu sagen. Vielleicht kann ich es so wiedergeben: Ich habe später ganz lange Albträume gehabt. Diese Träume waren immer die gleichen: Ich wurde von Bären und Wölfen verfolgt, in einer Schlucht. Links und rechts ging der Wald hoch. Ich hatte immer panische Angst vor diesen Wölfen und Bären und musste flüchten. Meistens ist es dann so geendet, dass ich gefressen wurde.

Dieses Gefühl, das ich mit diesem Traum probiert habe, wiederzugeben, das hatte ich. Du standest immer unter Strom. Du wusstest nie, ob nicht plötzlich eine Ohrfeige kam. Auch ein gutes Beispiel: Ich habe ja ins Bett gemacht. Und wenn ich dann in der Nacht erwacht bin und gemerkt habe, dass mein Bett nass war, bin ich abgehauen. Weil ich wusste, es gibt am Morgen Prügel. Das hat aber nix genützt, weil es nur aufgeschoben, nicht aufgehoben war. Leider.

Wie lange warst du insgesamt auf dem Bauernhof? Du bist ja mit sieben dorthin gekommen.

Bis ich zehneinhalb war, also dreieinhalb Jahre.

Deine Zeit als Verdingbug endete durch einen Zufall. Was ist passiert?

Ja. Mein Vater ist mal per Zufall auf den Bauernhof zu Besuch gekommen. Die Pflegemutter hatte sich gerade böse an der Brotmaschine in den Zeigefinger geschnitten und ihn halb abgeschnitten. Sie hat die Hand hochgehoben und zu mir gesagt, sie kann mich auch noch windelweich prügeln mit dem abgeschnittenen Finger.

Und das hat mein Vater gehört. Sie wusste nicht, dass er hinter ihr stand. Dann wurde mir endlich geglaubt. Vorher hat mir niemand geglaubt. Auch die blauen Flecken oder Striemen, die wurden einfach nicht wahrgenommen.

Also endlich wieder beim Vater. Kam dann die Wendung in deinem Leben zum Positiven hin?

Ja, definitiv – für etwa ein halbes Jahr. Das war am Anfang wirklich schön. Mein Vater hat nochmal geheiratet. Mein Bruder ist dann sogar nach Hause gekommen, er hatte eine Freundin. Ich fühlte mich da wohl.

Die zweite Frau meines Vaters wurde sogar noch schwanger. Ich habe mich mega gefreut. Es gab ein Brüderchen, Benjamin hieß er. Es war aber leider eine Frühgeburt, er wurde genau sieben Stunden alt. Man hat ihn noch getauft, darum weiß ich den Namen noch so gut.

Man hat dann herausgefunden, dass auch die zweite Frau, wie meine erste Mutter, Krebs hatte. Das ging dann ziemlich frappant und plötzlich war diese schöne, heile Welt wieder kaputt. Das war auch sehr schwierig für meinen Vater.

Und dann, wie ging's weiter?

Krebs kann ja krasse optische Spuren hinterlassen am Körper. Die Frau meines Vaters war irgendwann nur noch 40 Kilo schwer und mein Vater hat gemeint, das sei zu viel für mich, wenn ich das alles mitkriege. Er hat sie zu Hause gepflegt.

Dann kam der Vorschlag, dass ich nochmal vorübergehend in ein Heim gehen sollte. Das ist dann auch passiert – mit dem einzigen Unterschied, dass „vorübergehend“ nicht vorübergehend war, sondern für immer.

Das war für immer. Da warst du…?

Zwölfeinhalb.

Also wieder von einer aufkeimenden guten Umgebung in eine schlechte Umgebung?

Nein. Da kann ich wirklich widersprechen, weil das ein gutes Heim war.

Das war ein gutes Heim, okay. Aber trotzdem: Du bist die ersten Jahre deines Lebens bis zum zwölften Lebensjahr irgendwie immer rumgereicht wurden.

Ja, das ist so.

Fühlt man sich da heimatlos, wurzellos? Wie hast du das als Jugendlicher empfunden?

Genauso, wie Du es jetzt gesagt hast. Danke für diese zwei Wörter. Ja, Du fühlst dich rumgereicht, Du fühlst dich heimatlos. Du musst immer wieder aufs Neue anfangen, neue Freunde finden. Da ist nicht immer einfach.

Dann lassen wir mal deine erste Geschichte, die Kindheit und Jugend, ruhen, denn da kommt ja noch eine weitere Geschichte dazu. Trotz schwerem Start hast Du Karriere gemacht und das sehr schnell. Du hast eine Ausbildung zum Sportartikelverkäufer gemacht, bist in ein Schuhgeschäft gewechselt und dann ging es steil nach oben. Wie hast du diese Zeit erlebt?

Nach drei Wochen als Verkäufer wurde ich befördert zum Filialleiter. Und diese Filiale durfte ich dann dreieinhalb Jahre führen. Ich konnte den Umsatz mit meinem Team von 1,45 Millionen auf 2,85 Millionen verdoppeln. Wie ist das geschehen? Es gab sehr wenig Mitbewerber. Ich war so rotzfrech und bin ins nächst gelegene Sportgeschäft rein und habe da zwei Verkäuferinnen abgeworben.

Ich habe neun Monate durchgearbeitet, sieben Tage die Woche. Ich bin wie in eine Sucht gekommen, in eine Geltungssucht. Du hast Erfolg. Plötzlich sieht man Dich. Das hat mich beflügelt und ich wollte noch mehr. Das hat dann aber nach sich gezogen, dass ich sämtliche Freunde vernachlässigt habe. Ich habe die alle verloren. Für mich gab’s eigentlich nur noch den Job. Nach dreieinhalb Jahren wurde ich zum Gebietsverkaufsleiter befördert, vom Chef von einer Filiale zum Chef von 50 Filialen mit etwa 450 Mitarbeitern. Das habe ich dann acht Jahre gemacht.

Wenn Du mit 27 plötzlich ein wunderbares Geschäftsauto kriegst, eine goldene Kreditkarte, Du gehst schön essen… Ich bin da nicht einen halben Meter abgehoben, sondern etwa fünf Meter und so habe ich mich dann auch verhalten als Chef. Ich bin wirklich über Leichen gegangen.

Hast du mit dem beruflichen Erfolg deine Zeit als Verdingbub vergessen, hinter dir gelassen?

Nein, ich habe in meinem ganzen Leben bis vor etwa viereinhalb Jahren immer irgendwas gesucht. Irgendwas hat bei mir gefehlt und ich habe das unter anderem mit Arbeitssucht probiert wegzumachen, dadurch Anerkennung zu haben. Ich habe auch herausgefunden, dass ich auf dem Bauernhof als Verdingkind auf Leistung getrimmt wurde. Das hat mich geprägt. Ich habe diese Leistung voll durchgezogen, nicht unbedingt immer zum Positiven.

Foto von Erik van Dijk auf Unsplash
Du warst ja auch verheiratet. Du hast sieben Tage die Woche gearbeitet, wahrscheinlich auch nicht nine to five, sondern länger. Hast du da Deine Ehe pflegen können bei so einem Arbeitspensum?

Nein. Bei mir war die Priorität einfach erklärt: Zuerst kommt der Job und dann die Familie und meine Tochter aus erster Ehe. Ich glaube, das war auch ein Grund, warum meine erste Ehe gescheitert ist. Ich habe 20 Jahre lang im Schnitt 60 bis 80 Stunden pro Woche gearbeitet.

Das hinterlässt Spuren, auch im Privatleben. Du hast ein zweites Mal geheiratet. Hast Du dann Dein Leben verändert, aus der Erfahrung mit der ersten Ehe heraus?

Das habe ich lange gemeint, ja. Bis Jesus kam. Da habe ich herausgefunden, dass ich es eigentlich nicht verändert habe. Nein, leider nicht.

Du warst immer noch ein Leistungsmensch. Das war die Priorität eins.

Das war die Priorität eins. Ich wollte einfach immer diese Lücke auffüllen. Ich habe als junger Mann in der Techno-Zeit auch ein paar Jahre Drogen konsumiert. Das war auch wieder so eine Auffüllung.

Ich wurde in einem Interview mal gefragt, ob man die Liebe von Ecstasy mit der Liebe von Jesus in Verbindung bringen kann. Ich war von dieser Frage zuerst ein bisschen überrascht. Und nein: Das kann man nicht. Ja, bei Ecstasy spürst Du Liebe. Das geht unglaublich schnell hoch, aber es geht dann auch schnell wieder runter. Und bei Jesus ging es bei mir auch unglaublich schnell hoch, aber nicht mehr runter.

Jesus war aber noch nicht sofort für Dich da oder spürbar. Denn da kam ja noch ein Tag, an dem Du dieses Leben auf der Überholspur nicht mehr weiterführen konntest. Beschreib mal, wie es dir da ging und was da passiert ist.

Ich habe mich im September 2018 selber in ein Sanatorium, in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Ich war da wirklich platt. Ich hatte eine Erschöpfungsdepression. Wie fühlt sich das an? Wir alle haben ja unsere Handys, und wenn eine E-Mail hereinkommt, dann macht das einen Ton. Jeder Ton hat bei mir Schweißausbrüche ausgelöst. Ich hatte Angst vor jeder E-Mail. Angst ist ohnehin ein Grundelement bei einer oder bei meiner Depression. Ich konnte einfach nicht mehr. Ich war flach am Boden unten.

Die zweite Ehe war auch nicht mehr gut. Ich kann heute sagen: Hätte ich mich nicht in dieses Sanatorium eingeliefert, weiß ich nicht, ob die Ehe heute noch bestünde.

Du hast Dich dort aber gefangen. Und das kam irgendwie auch mehr oder weniger aus heiterem Himmel…

Ja, da muss ich ein bisschen ausholen: Ich wohne in einer Baugenossenschaft, und in dieser Baugenossenschaft bin ich im Vorstand. Da gab es einen Hauswart, der uns immer zum Kaffeetrinken besuchen kam. Der hat mir mal ein Buch geschenkt, etwa sieben, acht Monate, bevor ich in die Klinik gegangen bin. Ich habe das Buch, das „Love your neighbour“ heißt, angefangen zu lesen. Nach etwa der 20. Seite kam das erste Mal Gott vor. Da habe ich das Buch in die Ecke geschmissen. Ich konnte nichts damit anfangen.

Das war Dir zu viel oder zu fromm?

Ich habe mich auf dem Bauernhof mit Gott verkracht. Ich bin da gezwungen worden, Ministrant zu sein. Ich glaube, das habt Ihr auch bei Euch in Deutschland.

Für mich war es schwierig zu verstehen, was mir der Pfarrer probierte beizubringen. Was er aus der Bibel las und was ich dann im echten Leben erlebt habe. Ich habe irgendwann mal zu Gott gesagt: Du liebst mich nicht. Wenn Du mich lieben würdest, würdest Du mir das nicht antun. Und wenn Du mich nicht liebst, dann liebe ich Dich auch nicht. Und dann war der Glaube für mich gestorben.

In dem Sanatorium habe ich dann dieses Buch gelesen. Es kam eine Passage vor, in der der Autor David in London ist und einen Obdachlosen getroffen und ihn gefragt hat: Darf ich für Dich beten? Das durfte er, und die beiden haben sich getrennt. Per Zufall haben sie sich am nächsten Tag in der riesigen Stadt London nochmal getroffen. Und David hat den Obdachlosen wieder gefragt: Darf ich für Dich beten? Und da hat der Obdachlose geantwortet: Nein, David. Gestern hast Du für mich gebetet. Über mir ist der Himmel aufgegangen. Heute bete ich für Dich.

Es war der 29. September 2018, ungefähr um 9:30 Uhr in Kilchberg. Auf einem wunderbaren Bänkchen, von dem Du auf den Zürichsee heruntersiehst. Da ist über mir der Himmel aufgegangen und ich wurde regelrecht mit Liebe übergossen. Wenn mich jemand fragt: Kannst Du das erklären? Rationell – nein. Es war vergleichbar mit der Geburt meiner Kinder. Das war für mich auch etwas Unglaubliches, wo viel Liebe da war.

Ich wusste nicht mehr, wo vorne und hinten ist. Ich habe geweint. Ich war glücklich. Ich habe plötzlich klargesehen. Plötzlich wusste ich: Gott war immer da.

Vielleicht auch bei dem Unfall mit dem Traktor?

Unter anderem.

Man sagt doch auch, dass man einen Film sieht, wenn man stirbt. Bei mir ist das ähnlich gewesen. Ich habe plötzlich überall Menschen in den Situationen gesehen, in denen es mir nicht gut ging. Auf dem Bauernhof, in dem ersten Heim waren immer Menschen da, die es lieb gemeint haben. Ein Beispiel: Auf dem Bauernhof gab es eine Nachbarin, die mir immer zwischendurch ein Stück Brot gegeben hat und ein Comicheft, Lucky Luke oder Asterix. Ich konnte mich da für eine halbe Stunde auf dem Kachelofen verkrümeln, und war einfach mal glücklich für diesen Moment.

Und solche Menschen gab es immer wieder. Ich habe sie einfach in dieser Situation nicht wahrgenommen, aber durch diesen Film, den Gott mir gezeigt hat, eben schon.

Wie hat sich dann Dein Leben ab diesem Zeitpunkt – September 2018 –entwickelt? Gab es da sichtbare Veränderungen oder waren das alles nur innerliche Veränderungen? Äußerlich warst Du ja noch der alte Meck.

Sofort hat sich etwas verändert. Ich habe plötzlich diese Liebe in mir gespürt. Und diese Lücke, die ich mit Drogen probierte zu stopfen, die ich mit Arbeit probierte zu stopfen, mit Anerkennung, mit Statussymbolen… Diese Lücke war weg und ich musste sie mit nichts mehr stopfen. Ich musste mich auch nicht beweisen. Das habe ich einfach sofort gespürt: Ich bin so, wie ich bin, okay und geliebt.

Dieses Gefühl hat mir dann auch geholfen, nicht mehr so ein Brummbär oder extrem ehrgeizig zu sein. Das hat sich sofort auch im Umfeld bemerkbar gemacht. Da kamen plötzlich Feedbacks: Warum bist du plötzlich so lieb? Kinder, die mich vorher nie gegrüßt haben, haben mich plötzlich gegrüßt.

Du hast also schon eine andere Ausstrahlung gehabt.

Ich kann nur das wiedergeben, was mir gesagt wurde. Und das wurde mir immer wieder gespiegelt. Ich muss jetzt aber auch realistisch sein. Auch mit all dieser Liebe kannst du nicht mal 44 Jahre Grundcharakter einfach so wegmachen. Ich bin zwischendurch leider immer wieder mal der alte Meck und mal ein Brummbär. Aber das ist viel, viel weniger geworden.

Meine Kinder wurden mal in einem Interview gefragt, was denn beim Papa anders sei, und sie haben gesagt, er sei viel lieber als vorher.

Das ist doch ein tolles Feedback… Das ist jetzt alles positiv. Man kann aber auch die andere Seite sehen. Du könntest ja auch sauer sein auf Gott: Dass er Dich nicht vor dieser schwierigen Kindheit und Jugend, vor all dem Schmerz bewahrt hat, dass er nicht eingegriffen hat. Das warst du aber nicht?

Nein – aus einem einfachen Grund: Diese Klarheit, die ich da erhalten habe, hat mir gezeigt: Ich bin das, was ich bin, weil ich erlebt habe, was ich erlebt habe. Und da gehört das Gute dazu wie das Schlechte. Darum bin ich nicht mehr sauer.

Ich bin auch auf niemandem mehr böse, auch nicht mehr auf die Bauernfamilie oder auf andere Leute. Im Gegenteil, ich habe mich bei Leuten bedankt, die es immer gut mit mir gemeint haben. Andere, zu denen ich nicht so gut war, habe ich um Verzeihung gebeten, unter anderem meine Familie und meine Kinder, weil die Ehe wirklich auf der Kippe war. Die Ehe ist dann auch besser geworden.

Sauer auf Gott? Nein, im Gegenteil!

Jetzt hört vielleicht der eine oder andere Mann zu, der in den mittleren Jahren und in einer großen Krise ist. Das muss ja nicht die Geschichte als Verdingbub sein. Das kann ja auch eine Kindheit unter einer depressiven Mutter oder einem alkoholkranken Vater sein. Was rätst du diesem Mann?

Es gibt verschiedene Punkte, die mir geholfen haben. Etwas Einfaches ist: Seid euch nicht zu schade für eine Therapie! Ich habe fünf Jahre gebraucht, um mich aus diesem Schlamassel herauszuarbeiten. Ich bin fünf Jahre in eine Therapie gegangen.

Ein wichtiger Punkt ist auch ein Naturgesetz, das Du mit der Bibel in Verbindung bringen kannst, wenn du möchtest, aber nicht musst. Und das heißt: Nach jedem Regen scheint die Sonne. Immer. Ich habe noch niemanden kennengelernt, der das Gegenteil erlebt hat. Bei mir hat’s halt 44 Jahre gedauert, bis die Sonne endlich schien. Zwischendurch blitzten klar ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolken, es war also nicht alles schlecht in meinem Leben. Aber bis ich blauen Himmel mit nur Sonnenschein haben durfte, hat 44 Jahre gedauert.

Die Geschichte, die Du mit Jesus oder mit Gott hast, ist Dir ja widerfahren, heißt: Gott hat sich Dir gezeigt, ohne dass Du in irgendeiner Form aktiv warst. Da sagt sich vielleicht der eine oder andere Mann, der jetzt zuhört: Da hat er Glück gehabt, der Meck. Aber zu mir kommt er nicht. Was sagst du diesem Mann?

Ich wollte ja gar nicht, dass er zu mir kommt. Das ist einfach so passiert.

Für mich ist einfach wichtig, was ich vorher gesagt habe: Seid euch nicht zu schade für eine Therapie. Das ist irdisch. Du gehst zu einem Therapeuten, der Dir helfen wird.

Auch wenn Du nicht an Gott glaubst, sag doch einfach mal: Gott hilf mir, ich brauche Deine Hilfe. Zeige Dich mir.

Ich bete heute viel. Manchmal habe ich Erlebnisse, die Du rational nicht erklären kannst. Manchmal bete ich zehn Mal und es passiert gar nichts. Das Wichtigste ist einfach immer: glauben, einfach glauben. Glauben, dass es Gott gibt. Glauben, dass es Jesus gibt. Der Glaube ist das Wichtigste. Zweifel sind nicht so gut.

Titelfoto von Clark Young auf Unsplash

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Markus Walther, Autor des Buches "Verdingkind"

#3 Episode

Im Heim aufgewachsen und als Verdingkind ausgebeutet

Interessante Links:

Mecks Buch im Netz: Verdingkind

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