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Lebensmitte – bin ich schon drinnen?

Wann ist man in der Lebensmitte? Und was sollten wir Männer aus dieser Phase machen? Die Entwicklungspsychologin und Psychotherapeutin Professor Pasqualina Perrig-Chiello gibt Auskunft.

Frau Perrig-Chiello, in einem Interview* haben Sie mal gesagt: „Wie wir in den mittleren Jahren leben, ist entscheidend für gutes Altwerden“. Wenn dieses Lebensalter so wichtig, so erfolgskritisch ist, warum wissen wir Otto-Normalmenschen so wenig darüber?

In der Wissenschaft wurde das Thema stiefmütterlich behandelt, weil andere Themen wie die Kindheit, die Jugend und dann – mit zunehmender Lebenserwartung – auch das hohe Alter eine ganz große Bedeutung bekamen und Platz einnahmen.

Vom mittleren Lebensalter hatte man angenommen, dass es ein Entwicklungsplateau ist, wo nicht viel läuft. Bis man von gesellschaftlichen Entwicklungen, die zunehmend von der Midlife Crisis sprachen, fast dazu gezwungen wurde, diese Phase näher unter die Lupe zu nehmen. Und siehe da, die Forschungen ergaben sich fast von selber, und es wurde eine Lawine losgetreten.

Es zeigte sich, dass die Lebensmitte tatsächlich keine einfache Zeit ist. Im Gegenteil: Die Lebenszufriedenheitskurve ist auf dem Tiefpunkt. Und es gibt komplexe Übergänge innerhalb dieses großen Übergangs in die zweite Lebenshälfte.

Bevor wir in das Thema tiefer einsteigen, sollten wir erstmal klären, wann man überhaupt in der Lebensmitte ist. Statistisch gesehen, ist das simpel: Ich nehme meine Lebenserwartung – Mann, geboren 1970 in Deutschland – komme dann auf 67,2 Jahre, teile diese durch zwei und bin dann mit 33,6 Jahren in der Lebensmitte. Psychologisch gesehen, hilft uns diese Definition aber nicht weiter. In welchem Alter verortet denn die Psychologie die Lebensmitte?

Wir gehen davon aus, dass aufgrund biologischer Veränderungen und gesellschaftlicher Erwartungen die Jahre ab 40, 45 bis 55, manchmal auch etwas länger, kritisch sind in dem Sinne, dass da viele Veränderungsprozesse stattfinden. Zum einen die biologischen Veränderungen: Ab 40 fangen die hormonellen Umstellungen an, also die Wechseljahre bei Männern wie bei Frauen. Und damit einher gehen Veränderungen des Aussehens, aber auch der Gesundheit. Man merkt, dass man nicht mehr so gut sieht und man plötzlich eine Lesebrille braucht. Die Fettverteilung am Körper ist anders. Und man merkt, dass man nicht mehr so leistungsfähig ist wie mit 20 oder 30 Jahren.

Dazu kommen auch die gesellschaftlichen Realitäten wie die Sandwich-Position in der Familie: die Sorge und Verantwortung für die immer älter werdenden Eltern, die häufig auch Hilfe beanspruchen und zum anderen die Kinder, die größer werden und sich in einem Ablösungsprozess befinden. Die Partnerschaften haben eine gewisse Patina, sind also nicht mehr ganz frisch. Die meisten Scheidungen in der Schweiz wie auch in Deutschland finden mit Ende 40 statt. Da kumuliert sich also etwas.

Im Beruf gehört man nicht mehr zu den aufstrebenden Jungen, die alle Möglichkeiten offen haben. Man ist zwar auf dem Zenit, aber gleichzeitig merkt man, dass der Zenit irgendwann überschritten wird. Dann muss man sich beruflich neu definieren und plötzlich, ob man will oder nicht, gehört man zur Problemgruppe 45 oder 50 Plus, wie ich das immer wieder höre.

Sie haben jetzt ein paar äußere Merkmale genannt, die in der Lebensmitte auftauchen. Woran kann ich denn innerlich als Mann erkennen: So, jetzt bin ich in der Lebensmitte. Damit ich dann auch entsprechend mein Leben darauf ausrichten kann.

Das ist eine sehr gute Frage, die wir und viele andere auch untersucht haben. Am ehesten werden die körperlichen Veränderungen registriert: die grauen Haare, die Leistungsfähigkeit, die nicht mehr da ist, keine gute Schlaftiefe mehr. Plötzlich verträgt man Alkohol nicht mehr wie in jüngeren Jahren. Man vergisst vielleicht auch Namen Das sind ganz klassische Indizien und für viele Alarmzeichen, dass sich was tut.

Psychologisch ist es häufig so, dass viele, obwohl sie viel erreicht haben, zunehmend das Gefühl eines Hamsterrades haben. Diese Unzufriedenheit, die uns häufig vor allem von Männern berichtet wurde, weil sie diejenigen sind, von denen man erwartet, dass sie der Ernährer der Familie sind. Natürlich hat sich das verändert in der Zwischenzeit – zum Glück. Aber sie sind immer noch diejenigen, die mehrheitlich Vollzeit arbeiten. Und dieses Eingespanntsein in Erwartungen der Gesellschaft, der Familie, das führt bei vielen zu einem Rollenüberdruss. Und dieser Rollenüberdruss, dieses Hamsterradgefühl, das kann auch zu Sinnlehre führen. Und das führt unweigerlich dazu, dass die meisten anfangen, ihr Leben zu bilanzieren. Sie gehen zurück zu den Anfängen: Was waren meine ursprünglichen Träume, meine Wünsche? Wo habe ich mich gesehen in der Zukunft? Und dann schauen sie, was daraus geworden ist.

Wir haben ja noch viele Jahre vor uns in guter Gesundheit. Mit 45 weiß man, dass man mindestens noch 20, 25 Jahre Arbeit vor sich hat. Viele sagen sich dann: Ich habe die Chance etwas zu verändern oder ich fühle mich gezwungen, etwas zu verändern. Diese Tendenz der Neuorientierung ist bei den meisten da. Auch die Scheidungszahlen sprechen in diese Richtung. Viele, Frauen wie Männer, sagen sich dann: Ich bin jetzt zehn, 15 Jahre in dieser Beziehung. Sie ist vielleicht nicht mehr diejenige, die ich mir erwünscht und erträumt habe. Soll das jetzt noch 20, 30 oder 40 Jahre weitergehen?

Dieses In-der-Mitte-sein, diese Zwischenzeit, diese Halbzeit, ist ganz wichtig, um das Leben neu aufzugleisen und in eine Richtung zu bringen, die befriedigender ist. Die meisten machen also genau das Richtige: Sie bilanzieren und richten ihr Leben neu aus. Das muss nicht dramatisch sein. Es können auch kleinere Korrekturen sein.

Die Lebenszufriedenheit geht also in der Lebensmitte in den Keller. Sie haben ein gutes Wort gesagt: neu aufgleisen. Da kommen wir wieder zu ihrer These zurück „Wie wir in den mittleren Jahren leben, ist entscheidend für gutes Altwerden.“ Da liegt ja auch eine Gefahr drin, dass ich scheitere. Warum ist es so erfolgskritisch? Wenn ich da nicht die richtigen Weichen stelle, mich selber nicht aufs richtige Gleis setze, was passiert dann?

Meine These ist empirisch dermaßen gut erhärtet, weil wir wissen, dass der Lebensstil der mittleren Jahre eines der stärksten Prädiktoren ist für Wohlbefinden und Gesundheit im Alter. Wenn man eine Couch-Potato ist in den mittleren Jahren, hat man schlechte Karten auch im Alter. Denn wir Menschen sind Gewohnheitstiere, und je älter wir werden, umso mehr halten wir an unserem Lebensstil fest. Und wenn der Lebensstil der mittleren Jahre keine oder wenig Bewegung beinhaltet, keine ausgewogene Ernährung, zu viel TV-Zeit, dann schlägt sich das im Alter nieder. Wir wissen zum Beispiel, dass die Anzahl Stunden Fernsehzeit in den mittleren Jahren prädiktiv ist für das Risiko von dementiellen Erkrankungen im Alter.

Das ist die körperliche Ebene. Was passiert auf der psychischen Ebene? Wenn ich ausharre in einem unzufriedenen Zustand, dann werde ich zu einer chronischen Nörglerin. Dann bin ich nicht zufrieden und mache alle rundherum verantwortlich. Und das bringe ich in das Alter mit. Hingegen, wenn ich in den mittleren Jahren erkenne, dass einiges nicht so gut läuft, dann kann ich Korrekturen anbringen, die zieldienlicher sind.

Sie haben Recht. Es kann auch ein Scheitern geben, dass man zum Beispiel plötzlich eine Beziehung beendet, weil man das große Glück auf der anderen Seite sieht. Und dann stellt sich heraus, dass das nicht so ist und man sich hat blenden lassen. Wir Menschen sollten uns vom Scheitern nicht entmutigen lassen, weil Scheitern gehört dazu, Wir reden in unserer Gesellschaft nicht gerne über das Scheitern, aber es gehört dazu. Ich meine, aus Fehlern kann man lernen und es ist besser, dass man diese Krisen nach und nach angeht, anstatt unzufrieden in einer Rolle zu verharren.

Prof. em. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello
Entwicklungspsychologin Prof. em. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello (Foto: Thomas Andenmatten)
Sie haben ja schon gesagt, dass der eine oder andere Mann in der Lebensmitte einen richtigen Cut macht, sein Leben radikal ändert, Frau und Familie verlässt, zu der wesentlich jüngeren Freundin zieht, den Job hinschmeißt. Das ist aus psychologischer Sicht eher nicht ratsam?

Nein, Brüche sind nie ratsam. Das sind Entscheidungen, die zumeist in Stress oder in einem Überschwang von Gefühlen gefällt wurden. Wenn die Ratio nicht auch mitbeteiligt ist, dann gebe ich keine Garantie, dass das gut rauskommt. Wir brauchen immer die Gefühle, aber auch den Kopf in stressigen Zeiten, wo man sich gezwungen sieht, eine Entscheidung zu treffen. Vielleicht weil die Partnerin sagt; entweder sie oder ich. Und der Mann dann denkt: Jetzt muss ich mich entscheiden. Das ist einfach die schlechteste Voraussetzung, weil es ist nicht auch rational gut überlegt ist. Man müsste sich Zeit lassen.

Diese Brüche kommen bei den Männern häufiger vor, weil sie die Probleme nicht früh genug erkennen oder anerkennen. Sie lassen es soweit kommen, dass sie dann plötzlich vor schnellen Entscheidungen stehen. Sie lassen die Gefühle dann plötzlich raus. Frauen machen das anders.

Da sind wir beim Thema Geschlechtsunterschiede. Altern Männer anders als Frauen?

Frauen und Männer haben ähnliche Probleme. Bei Männern gibt es gewisse Minuspunkte wie bei Frauen auch. Aber was ist der Unterschied? Frauen haben in Zeiten des Umbruchs – nicht nur in Zeiten des Umbruchs, aber da ist es entscheidend – diese Kultur des Sprechens über Probleme. Eine Kultur des Sprechens nicht nur über Politik und Fußball. Das ist bei den Männern sicherlich auch wichtig. Eine Kultur des Sprechens über Probleme ist bei den Frauen ausgeprägter. Wenn sich die Männer das auch aneignen und ihre traditionellen Rollenvorstellungen des starken Mannes mal auf die Seite schieben würden, dann ginge es ihnen vermutlich auch viel besser.

Aber meine Forschungsarbeiten und nicht nur die zeigen, dass trotz Emanzipation des Mannes, trotz veränderter Rollenvorstellungen in unserer Gesellschaft die Mehrheit der Männer immer noch das Gefühl hat: Damit muss ich selber fertig werden, das geht niemanden etwas an. Sie vermuten einen Imageschaden, wenn sie sich mit jemandem darüber unterhalten etwa, dass die Frau fremdgeht oder ihnen gekündigt wurde. Das sind alles Themen, die sehr verletzend sind, und wir schämen uns zum Teil dafür. Darüber zu sprechen, wäre psychologisch gesehen das einzig Richtige. Viele Männer würden gut daran tun, das ein bisschen mehr zuzulassen. Es geht ihnen kein Gold ab.

Es gibt ja auch die These, dass Männer in der Lebensmitte ihre femininen Eigenschaften entdecken, wie Sensibilität und Zärtlichkeit. Und Frauen genau das Gegenteil, nämlich ihre männlichen Anteile, wie Durchsetzungsfähigkeit oder das Streben nach Unabhängigkeit. Ist da aus wissenschaftlicher Sicht was dran?

Ja, da ist was dran, weil die biologischen Veränderungen, die körperlichen Veränderungen dafür sprechen. Frauen wie Männer haben beide Geschlechtshormone, wobei das eine Geschlechtshormon dominant ist. Bei den Frauen sinkt das Östrogen in den mittleren Jahren. Dafür wird das Testosteron sichtbarer, erkennbarer. Bei den Männern passiert genau das Umgekehrte: Das Testosteron sinkt, zwar nicht so dramatisch wie bei den Frauen das Östrogen, aber es sinkt stetig. Das Testosteron steht ja für Aggressivität, für das Machen, das Sich-Durchsetzen. Das Östrogen oder das Care-Hormon, wie wir auch sagen, also das fürsorgliche Hormon, das kommt bei den Männern dann mehr zum Tragen.

Es gibt individuelle Unterschiede, aber häufig sind es genau diese Reibungspunkte, die uns immer wieder berichtet wurden. Beispielsweise versteht der Mann nicht, weshalb seine Frau jetzt unbedingt ein Studium nachholen will – und das zu jedem Preis. Und umgekehrt haben wir von Frauen immer wieder gehört: Jetzt fängt er an, vor dem Fernseher zu weinen, wenn ein rühriger Film kommt, eine Romanze. Also beide Teile, Männer wie Frauen, finden das etwas befremdend, weil die klassischen Rollenaufteilungen da hinterfragt werden.

Diese Angleichung ist ein Vorteil für beide Teile, im Hinblick auf das Alter. Männer, die im Alter Hilfe annehmen können oder sich sozial engagieren, soziale Kompetenzen entwickeln, die haben ein weitaus besseres und einfacheres Alter als solche, die das nicht können.

Das heißt also, wenn die Männer vermehrt die weiblichen Eigenschaften in sich zulassen, dann ist es ein Vorteil für sie, richtig?

Genau. Das wurde auch in der klinischen Praxis immer wieder beobachtet. Carl Gustav Jung hat gesagt: In der zweiten Lebenshälfte versöhnen wir unsere Gegensätze in uns. Wir wollen das ausleben, was wir aufgrund von gesellschaftlichen Erwartungen, von Rollenvorstellungen nicht haben ausleben können. Es ist ein Prinzip der Ganzheit, das da erfüllt wird.

Foto von Mihail Tregubov auf Unsplash
Es gibt sicher unterschiedliche Typen von Männern, die entsprechend besser oder schlechter mit der Lebensmitte klarkommen. Welche Typen kommen denn besser mit der Lebensmitte klar und welche schlechter?

Auch wenn die Herausforderungen mehr oder weniger akzentuiert bei allen gleich sind, ist der Umgang damit unterschiedlich, auch aufgrund der Persönlichkeit. Wir wissen aus der Psychologie, dass Männer und Frauen, die eine offene Persönlichkeit haben, im Sinn von offen für Neues, die wenig ängstlich sind und die Veränderungen als normalen Teil des Lebens sehen und nicht als eine Katastrophe, besser klarkommen. Eine Veränderung, die sich anbahnt, ist ja auch eine Chance, aber viele haben davor Angst. Vor allem neurotische Personen befassen sich stark mit sich selber, mit ihren Ängsten und können nicht so gut wegfokussieren von sich selber.

Die Fähigkeit des Wegfokussierens von sich selber ist wichtig. Das heißt nicht, dass man sich selber verleugnet. Es heißt schon auch, dass ich mich mit mir selber befasse, aber dass ich auch Interesse für anderes habe, zum Beispiel indem ich mich ehrenamtlich in einem Projekt engagiere, das mich von den kreisenden Gedanken ablenkt. Diese drei Persönlichkeitseigenschaften sind wichtig für gutes Altern: Offenheit, wenig Angst vor Veränderungen und das Nichtfokussieren auf sich selber. Dazu braucht es, das muss man schon auch sagen, ein geeignetes soziales Umfeld, also Freunde oder eine Familie.

Welche Typen kommen dann schlechter mit den Veränderungen klar?

Menschen, die eine panische Angst vor Veränderungen haben, die abwarten und sich in einem Sicherheitszyklus wissen wollen, also konfliktscheue Menschen. Und zu dieser Gruppe gehören vor allem die Männer. Das Mauern, das Nicht-Reden-Wollen, die Angst vor Veränderung und das Gefühl, nur bei sich selber zu sein und mit dem Problem alleine fertig werden zu müssen. Und auch solche, die keine sozialen Netze haben und keine Vertrauensperson, mit der sie sich austauschen können.

Und vielleicht auch Männer, die an dem klassischen Rollenbild des starken Mannes, des Ernährers festhalten?

Ja, das ist übrigens bei Frauen wie bei Männern so. Bei Männern ist es allerdings extremer: das Festhalten an der herkömmlichen Identität: jung, leistungsfähig, dynamisch und die Welt gehört mir. Das Festhalten an diesen Rollen verhindert, dass man sich neu definiert, sich neu entdeckt und sich neu positioniert.

Sie haben gesagt: Eine der Aufgaben ist es, Bilanz über das eigene Leben zu ziehen. Was ist denn, wenn man dann zum Schluss kommt, der nachfolgenden Generation nichts Bedeutendes zu hinterlassen, weil man ein sehr durchschnittliches Leben geführt hat?

Da würde ich mal nachfragen: Was heißt denn durchschnittlich? Ist da nicht etwas im Keim da, das man weiterentwickeln kann? Man hat ja noch viel Zeit und die Generativität, die Sie ansprechen, die hilft uns ja, den Lebenssinn mit zunehmendem Alter zu definieren. Vielleicht hinterlässt man eine Idee oder man hat jemandem geholfen, man hat Spuren hinterlassen. Dafür hat man noch Zeit.

Früher war die Generativität das Thema des mittleren Alters. Mit zunehmender Lebenserwartung hat sich das ein bisschen nach hinten verschoben. Aber nichtsdestotrotz: Sobald wir in die zweite Lebenshälfte kommen, ist das ein Thema: Was hinterlasse ich? Hier kommt das Wegfokussieren von sich selber ins Spiel. Dass ich nicht noch mehr Geld verdienen, noch mehr Paper schreiben will. Die Darstellung des eigenen Ichs führt mit der Zeit zu einer Sinnentleerung, weil man merkt, man isoliert sich. Die Herausforderung des mittleren Lebensalters ist es, sich für die Interessen anderer zu engagieren. Das kann politisch sein, das kann auch ehrenamtlich sein, es kann auf ganz vielen Ebenen sein. Und dafür ist es nie zu spät.

Schauen wir mal auf die Väter, wenn die Kinder ausziehen. Das Nest ist dann leer. Väter und Mütter haben dann endlich mehr Zeit für sich selbst und die Partnerschaft. Wie erleben Männer diesen Übergang?

Das Ausziehen der Kinder hat man immer als ein Frauenproblem dargestellt. Man hat vom Empty-Nest-Syndrom gesprochen, wo die Frauen dann depressiv werden, weil sie eine wichtige Rolle nicht mehr innehaben können oder dürfen. Das war so in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren, also im Golden Age of Marriage and Family.

Das hat sich in der Zwischenzeit stark geändert. Frauen und Männer sind sehr unterschiedlich aufgestellt, was den Auszug der Kinder anbelangt. Jene, die sichere Bindungen zu ihren Kindern haben, haben es leichter, weil sie wissen, der Auszug bedeutet nicht das Ende der Beziehung. Unsere Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass doch eher die Männer an dem Auszug der Kinder zu knabbern haben als die Frauen. Für die Frauen ist damit auch eine Entlastung von vielen Hausarbeiten verbunden. Bei den Männern haben wir ganz viel Ambivalenz gesehen. Einerseits finden sie es toll, dass ihre Kinder flügge geworden sind und auf eigenen Füßen stehen. Auf der anderen Seite gibt es bei vielen ein Bedauern: Jetzt sind sie wirklich weg. Ein Bedauern: Vielleicht hätte ich mehr investieren sollen.

Sie merken auch, dass die sozialen Netze nach wie vor über die Frauen gehen und nicht so sehr über sie. Also wenn ein Essen abgemacht wird, dann läuft das über die Mutter und der Vater wird dann miteinbezogen.

Mit anderen Worten: Die Männer haben mit dem Auszug der Kinder eher Mühe als die Frauen. Vermutlich wird sich das in Zukunft geben. Ich hoffe es. Die Generation von Männern, die jetzt ihre Kinder ins Erwachsenenalter entlässt, hat sich aufgrund von vielen Bedingungen nicht so intensiv mit den Kindern befassen können.

*Spiegel online, 17.01.2021, https://www.spiegel.de/psychologie/midlife-crisis-als-chance-was-die-zufriedenheitskurve-steigen-laesst-a-d792c76e-6078-4d22-a856-8a7fbb60bc96?sara_ref=re-so-app-sh, zuletzt aufgerufen am 14.05.2023

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#2 Episode

Lebensmitte – bin ich schon drinnen?

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Professor Pasqualina Perrig-Chiello im Netz: Universität Bern

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