„In Partnerschaften muss man sich manchmal streiten, denn dadurch erfährt man mehr voneinander.“ Das soll Johann Wolfgang von Goethe mal gesagt haben. Streit gehört zu jeder Partnerschaft dazu – und gleichzeitig kann er Beziehungen nachhaltig schädigen. Gerade in der Lebensmitte, wenn viele Paare schon lange zusammen sind oder sich Beziehungen noch einmal neu finden, stellt sich die Frage: „Wie gehen wir eigentlich miteinander um, wenn es schwierig wird?“ In diesem Beitrag wollen wir nicht nur über Streit sprechen, sondern auch darüber, wie Paare konstruktiv mit ihren Unterschieden umgehen können. Der Diplom-Psychologe und Psychotherapeut Prof. Dr. Ludwig Schindler, einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Paartherapie in Deutschland, steht Joachim Zdzieblo Rede und Antwort.
Herr Schindler, man liest ja heute oft von der Forderung, dass Paare lernen sollten, zu streiten, also eine Streitkultur entwickeln sollten. Streit gehöre ja schließlich zu einer Partnerschaft dazu. Sehen Sie das auch so?
Da sind wir schon mitten im Thema. Es ist ganz wichtig zu unterscheiden: Natürlich, jedes Paar besteht aus zwei eigenständigen Personen und jeder bringt sein persönliches Strickmuster mit und seine persönliche Lebens- und Familiengeschichte. Und dadurch bei aller Gemeinsamkeit und bei aller Schnittmenge an Interessen wird es immer persönliche Unterschiede geben. Und viele kalkulieren das nicht ein.
Diese Unterschiede können mal mehr, mal weniger sein, aber es gibt kein Paar, das ohne Diskrepanzen auskommt, weil es halt zwei eigenständige Personen sind. Und deswegen ist es erstmal völlig wertfrei, wenn es jetzt um einen Konflikt geht, denn ein Konflikt ist so definiert, dass einfach unterschiedliche Bedürfnisse, Gefühle, Meinungen aufeinandertreffen und das ist, wie gesagt, völlig wertfrei und nicht negativ, sondern es ist wichtig, dass das Paar sich an solchen Stellen immer wieder arrangiert. Arrangieren heißt sich austauschen und auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Manchmal gibt es einen Kompromiss oder an der einen Stelle geht der eine auf die Bedürfnisse des anderen ein und dafür das nächste Mal umgekehrt. Das ist das, was die Herausforderung für jede harmonische Beziehung ist. Und um noch das Wort Streit zu definieren: Streit ist vergeben für die destruktive Form der Auseinandersetzung. Das ist einfach die Konnotation oder die Definition dahinter. Und da lauert halt eine große Gefahr.
Das wollte ich fragen. Was macht denn ein Streit so kritisch für eine Partnerschaft?
Der Streit beinhaltet, wie gesagt, die negative Form der Auseinandersetzung, was bedeutet: Ich mache Vorwürfe wie „Typisch, schon wieder“ und „Du immer“ und „Wie deine Mutter“ und so. Und das ist so schade, weil natürlich jeder Vorwurf, jede Vorhaltung den anderen in die Defensive bringt oder zum Gegenangriff und der sagt dann: „Ja, du doch genauso!“ und „Mach du doch mal an der Stelle“. Das ist nicht sich arrangieren, sondern die amerikanischen Kollegen nennen es „Put Down“, den anderen unterkriegen.
Niederringen.
Ja. Dann wird es zum Machtkampf und das lädiert die Beziehung und auf Dauer lauert die Gefahr, dass Streit immer mehr wird und dass dann auch die aggressiven Maßnahmen, die ich einsetze, um den anderen zum Einlenken zu bringen, immer gravierender werden. Das ist dann die Gefahr für die Beziehung.
Da gibt es, glaube ich, auch eine Formel: positive Zuwendung, positive Beiträge für die Partnerschaft versus negative.
Ja, das hat unser amerikanischer Kollege Herr Gottman festgestellt, der viele Jahre Paare systematisch beobachtet und begleitet hat, auch im Alltag und auch bei Konfliktgesprächen. Und der hat den Quotienten 5 zu 1 herausgefunden. Also wenn im alltäglichen Umgang bei einem Paar diese 5 zu 1 eingetreten sind, dann befindet sich dieses Paar bereits im hochkritischen Bereich. Und 5 zu 1 meint, dass fünf Zeichen der Aufmerksamkeit, der Wertschätzung durch einen verbalen Schnitzer getilgt werden.
Das ist schnell erreicht, würde ich sagen.
Nehmen wir ein Beispiel und ich sage: „Vielen Dank, dass Du mir mein Lieblingsessen gemacht hast“, „Danke, dass Du mir die Erledigungen abgenommen hast“ und noch zwei, drei, aber dann sage „Ansonsten bist Du wie Deine Mutter“, dann ist alles heftig getilgt.
Und um nochmal den Kontrast zum Streit zu zeigen: Das sind, wie gesagt, Vorhaltungen, die ich dem anderen mache, aber zu jedem konkreten Punkt in der Beziehung, den ich bedauere, gibt es auch ein konstruktives Gegenstück.
Okay, und das ist?
Um das geht´s. Also wenn ich dem anderen sage „Jetzt lass doch das endlich mal sein!“, dann kann ich gar nicht beobachten, wenn er es sein lässt. Ich kann nur feststellen, okay, das wird weniger. Nehmen wir den Bereich Erziehung, der ja typisch konfliktreich ist, weil jeder seine eigene Erziehung erlebt hat und Sachen will oder nicht will. Und da müssen sich Paare, die Eltern geworden sind, immer wieder arrangieren. Ich kann stattdessen sagen „Ich wünsche mir, dass Du mir nicht vor den Kindern in den Rücken fällst, sondern lass uns doch bitte die neuralgischen Punkte immer vorher besprechen, bevor wir das mit den Kindern angehen“. Ganz konkret und konstruktiv. Das kann ich auch beobachten und dann freue ich mich: Aha, der andere kommt zu mir und sagt: „Du, wie machen wir das jetzt mit dem Handy?“
Sie haben gemeinsam mit zwei anderen Psychologen einen Ratgeber mit dem Titel „Partnerschaftsprobleme?“ herausgegeben, den ich übrigens unglaublich lesenswert finde. Er ist jetzt in der sechsten Auflage, die siebte ist in der Entstehung, heißt er ist ein Klassiker geworden.
Erfreulicherweise, ja.
Darin schreiben Sie, dass jeder Mensch ein eigenes Beziehungskonzept in die Partnerschaft mitbringt, eben oft geprägt durch die Herkunftsfamilie. Inwiefern führen diese unterschiedlichen Konzepte zu Konflikten?
Menschen sind, wie wir wissen, soziale Wesen, aber wir haben noch eine besondere Spielart: Wir sind Bindungswesen. Und Bindung ist eine schöne Erfindung der Natur, ohne die hätte es die Menschheit bis heute gar nicht geschafft. Denn wenn ein frischer Erdenbürger auf die Welt kommt, dann wäre der mindestens in den ersten zwei, drei Jahren überhaupt nicht allein überlebensfähig. Und deswegen ist es so wichtig, dass eine beschützende Umgebung etabliert ist, also, dass man sich um diesen frischen Erdenbürger kümmert, sowohl um das leibliche wie das seelische Wohl. Dadurch hat sich evolutionär dieses Bindungssystem bei den Menschen entwickelt, aber nicht nur bei den Menschen, auch bei anderen Säugetieren. Und diese Bindungskräfte sind so unglaublich stark, weil es eben um Existenz und um Vitalität geht. Und deswegen: Wenn Bindungspersonen verloren gehen oder Trennungen passieren, ist dies so unglaublich schmerzlich für die Menschen, weil es existenziell bedrohlich ist. Und es ist nicht nur für das Kleinkind oder für die jugendlichen Kinder wichtig. Auch erwachsene Kinder wollen noch, dass bitte das Elternhaus im Hintergrund stabil ist.
Aber Bindung schlägt eben auch im Erwachsenenalter zu. Wenn Menschen, die Biologie sagt, geschlechtsreif werden, dann macht man sich auf die Suche nach einem Partner, mit dem man wieder eine Zweisamkeit und dann eine Familie aufbaut. Und da sichert die Bindung wieder den Zusammenhalt von beiden Elternteilen, um die nächste Generation sicher aufziehen zu können. Und dann gibt es noch eine Wechselwirkung zwischen Liebe und Bindung. Sich-Verlieben stellt Bindung her und Bindung umgekehrt erhält die Liebe.
Jetzt kommen da zwei Menschen zusammen, die von zu Hause bestimmte Ideen mitbringen, wie Partnerschaft zu laufen hat. Und das merkt man ja nicht sofort. Wie entlarvt sich das oder wie kommt man da auf den Trichter „Oh je, der andere hat ja ein ganz anderes Beziehungskonzept als ich, und daran müssen wir jetzt erstmal arbeiten“?
Darauf gehe ich gleich ein, aber vorweg noch: Es gibt eine ganz berühmte Langzeitstudie von der Universität Harvard gemeinsam mit einer anderen amerikanischen Universität. Die nennt man auch Glücksstudie, weil einer der Forscher Glück hieß. Das ist eine methodisch sehr gute Langzeitbegleitung einer großen Stichprobe von Personen. Inzwischen ist da die dritte Forschergeneration drauf, weil das eine Langzeituntersuchung ist. Und die wollten oder wollen herausfinden, was für die Menschen wichtig ist, damit sie ein erfülltes Leben erleben. Und die haben alles Mögliche untersucht, methodisch eben sehr gut, was man alles untersuchen kann. Und in der Nussschale kamen zwei Sachen raus.
Also was ist für die Menschen wichtig, damit sie ein erfülltes Leben haben? Das Erste, ein Wort: Liebe. Und das Zweite: Ein Lebensstil, der die Liebe nicht beschädigt. Und dann kommt lang nichts. Dann kommt nicht die Finca und nicht das Sportauto und nicht die Segelyacht. Das ist das Allerwichtigste.
Jetzt aber zu dem Punkt Beziehungskonzept: Die Qualitäten, die Menschen in der Beziehung erleben wollen, sind für alle gleich. Man will Geborgenheit, man will emotional aufgehoben sein, der andere soll in seinem Verhalten vorhersagbar sein. Ich freue mich über Unterstützung und, und, und. Aber, und das ist der große Unterschied, jeder hat aufgrund seiner Geschichte und seines Beziehungskonzepts, was sich aus der Geschichte heraus entwickelt hat, andere Signale, die ihm das vermitteln. Und deswegen muss jedes Paar voneinander die Signale lernen. Und das ist ein Lernprozess. Man spricht ja auch von „Sich-Kennenlernen“. Also das ist ein Prozess, der nicht abgeschlossen ist nach drei Wochen, nach drei Monaten, nach drei Jahren. Nein, weil im Verlauf des Lebens, auch wenn wir an die Lebensmitte denken, immer wieder andere Rollen abgerufen werden, wo dann auch wieder unterschiedliche Ansichten und Bedürfnisse aufscheinen. Deswegen ist dieses Sich-Arrangieren lebenslang begleitend in einer Beziehung.
Das heißt: Der eine hat vielleicht das Beziehungskonzept, den anderen zu unterstützen. Dadurch wird für ihn Liebe deutlich. Und der andere hat das Beziehungskonzept, dass Liebe für ihn vor allem deutlich wird, wenn er Geschenke bekommt.
Genau.
Dann könnte es dazu kommen, dass es clasht, weil der eine gern Geschenke macht, der andere damit aber nicht so wirklich was anfangen kann. Aber vielmehr damit, wenn er oder sie unterstützt wird.
Genau. Es gibt entweder die instrumentelle Schiene nach dem Motto „Ich mache doch alles für Dich. Siehst Du es denn nicht?“ Und der andere sagt. „Ja, aber ich will hören, was Du an mir gut findest oder dass Du mich gut findest.“ Und es ist ja ein inzwischen sehr bekanntes Buch geworden, nämlich „Die fünf Sprachen der Liebe“. Und ob das jetzt fünf Sprachen sind, sei mal dahingestellt. Aber das Buch ist sehr verdienstvoll, weil dieser Vergleich mit Sprachen sehr gut ist, weil die Menschen mehrsprachig werden können.
Und auch in der Beziehung bringe ich meine Sprache der Liebe mit und sage vielleicht „Ich muss fünfmal am Tag hören: `Ich liebe Dich!´“ Und das ist in Ordnung. Aber der andere braucht vielleicht ganz viel Anerkennung für das, was er beruflich schafft. Und wie gesagt: Man kann Sprachen lernen, ohne dass man seine eigene aufgibt. Und das ist die große Herausforderung: Nicht enttäuscht zu sein, dass der andere an der Stelle anders tickt. Das ist auch nicht immer so, manchmal ticken beide auch gleich. Sondern dann eben sagen: „Okay, da möchte ich den anderen näher kennenlernen.“ Und dazu gehört natürlich auch, dass ich etwas von seinem früheren Leben erfahre, vielleicht auch von Beziehungen, die er vorher schon gehabt hat und natürlich auch von der Familienkultur, die der jeweils andere erlebt hat.
Jetzt schauen wir mal in eine typische Paardynamik rein. Oft bleibt es ja nicht bei einzelnen Streits. Wenn ein Paar nicht aufpasst, dann können sich Streits auch in eine Spirale entwickeln. Was läuft da konkret ab?
Vielleicht fange ich mit einem berühmten Vergleich an: Jedes Geschenk, was wir machen, lebt von der Verpackung. Und wenn ich es schön verpacke, dann freut sich der andere über den Anblick und ist neugierig, was drin ist. Bei einer Botschaft, die ich an den anderen, in dem Fall an den Partner richte, ist die Verpackung die Wortwahl und der Tonfall. Und wenn ich möchte, dass die Botschaft wirklich ankommt, dann muss ich es mit der richtigen Wortwahl und dem richtigen Tonfall machen. Lande ich wieder bei Vorhaltungen wie „Typisch immer Du!“ und „Schon wieder!“, dann kommt die Botschaft nicht an, sondern der andere erschrickt über die Form, in der ihm oder ihr die Botschaft präsentiert wird. Somit kommt die Botschaft nicht an.
Es gibt bei einer Botschaft einen Inhaltsaspekt und einen Beziehungsaspekt. Und auf den Beziehungsaspekt springt der andere in den Harnisch, denn „So geht man mit mir nicht um!“, und dann ist eben die Gefahr, dass das inflationär passiert, weil man dann anfängt, zu schreien oder Gegenstände zu schmeißen oder – im schlimmsten Fall – sich zu schubsen. Das sind die Eskalationsstufen, wenn die Barrieren eingerissen werden. Nicht, weil das böse Menschen sind, sondern weil sie immer dringlicher ihre Botschaft vermitteln wollen, aber sich halt total im Ton vergreifen, was den anderen zum Gegenangriff bringt. Und man kommt zu keiner Lösung. Das ist genau der Punkt. Mit Streit findet man in der Regel keine Lösung. Und deswegen kommen die Themen immer wieder auf den Tisch und landen immer wieder im Streit.
In Ihrem Buch „Partnerschaftsprobleme?“ schreiben Sie, das ist so eine Art Zwangsprozess. Wenn einer der Partner oder das Paar feststellt „Oh je, wir sind in einer Spirale, wir sind in einem Zwangsprozess“: Was wäre der erste Schritt, um dort wieder rauszukommen? Wie durchbricht man diese Spirale?
Da sind wir wieder bei den persönlichen Unterschieden und dass alles mit der Grundhaltung beginnt. Wenn ich mir auf die Fahne schreibe „Jetzt endlich, nach 10 oder 20 Jahren, muss es doch endlich soweit sein, dass der andere sich in diesem Punkt ändert!“, dann habe ich mir die Umerziehung auf die Fahne geschrieben.
(lacht) Oh, ob die gelingt?
Die ist noch nie gelungen, denn, wenn ich als Polier auf der Baustelle meines Partners erscheine, dann wird der Reaktant, umgangssprachlich, trotzig und sagt „Wo und wie ich an meiner Baustelle weiterarbeite, bestimme ich immer noch selber!“ Also Umerziehung darf nicht stattfinden.
Was ist das konstruktive Gegenstück? Das konstruktive Gegenstück ist die Grundhaltung: „Wir sind zwei verschiedene Menschen. Wir lieben uns, wir haben eine wunderbare gemeinsame Geschichte. Wir haben gemeinsame Kinder und es gibt so viel Positives, aber wir sind trotzdem zwei unterschiedliche Personen.“ Und deswegen werden immer wieder auch Unterschiede aufscheinen, die erstmal konflikthaft, aber vom Wert her neutral sind. Und bei dieser Grundhaltung braucht es eine Portion Toleranz. Toleranz setzt da ein, wenn bei mir das Bedauern einsetzt.
Jeder sagt „Ja klar, bin ich tolerant“, aber wie gesagt, wenn das Bedauern einsetzt, dann weiß ich, ich bin jetzt im Bereich der Toleranz gelandet und es ist Souveränität, Schmunzeln durch Wiedererkennen verlangt, weil ja alles, was jenseits von Bedauern ist, Akzeptanz ist. Toleranz heißt: Da ist ein Unterschied, und ich lasse den anderen so, wie er ist. Ich will auch als Gesamtpaket angenommen werden, also muss ich den anderen auch als Gesamtpaket annehmen. Natürlich kann ich meine Wünsche äußern. Das ist ein wichtiger Punkt, dass jeder von uns ein absolutes Recht auf alle Wünsche hat, egal wie abstrus die sein mögen. Der Unterschied ist: Auf deren Erfüllung haben wir keinen Anspruch. Also wir dürfen sagen „Du, das wünsche ich mir so dringlich“, wie ausgefallen das auch sein mag. Und dann muss der andere sagen „Das könnte mich das interessieren, vielleicht schaue ich es mir mal an“ oder „Nee, das geht gar nicht. An der Stelle muss ich bei mir bleiben und sagen: Sorry, Du musst den Punkt für Dich alleine oder mit Deinen Freunden machen“.
Was ja auch schwierig ist, wenn man erstmal in einem Zwangsprozess, in dieser Spirale steckt, dass man für das Positive, was der andere mir mitgeben will, blind wird, oder?
Na ja, Gott sei Dank, gelingt es dann doch den meisten Paaren, wieder zu einem angenehmen alltäglichen Umgang zurückzukehren. Denn wenn das gar nicht mehr da ist, dann stellen sich natürlich Trennungsgedanken ein. Aber auf lange Sicht besteht die Gefahr, wenn Streit immer häufiger und immer heftiger wird wegen der Dringlichkeit, dass dann die Beziehung zu Schanden gefahren wird.
Konflikte lassen sich in der Partnerschaft nicht vermeiden. Um einen Konflikt gut zu lösen, schlagen Sie einen Vierschrittprozess vor. Wie sieht dieser aus?
Es gibt Gelegenheiten, wo der Unterschied deutlich wird. Und dann weiß ich. Jetzt braucht es bei beiden Geduld und Spucke, weil jetzt muss jeder mal seins sagen dürfen. Und da kommt, wie gesagt, die Grundhaltung ins Spiel, dass ich das nicht als Affront erlebe, wenn der andere eine andere Ansicht hat oder anders tickt, sondern dass ich das einkalkuliere und sage „Okay, da sind wir jetzt an einer diskrepanten Stelle“ und jetzt darf sich jeder auch wünschen, was der andere für ihn machen kann. Und dann muss jeder für sich schauen: Kann ich diesen Wunsch erfüllen oder macht an der Stelle jeder seins?
Das heißt, man stellt erst mal fest „Das stört mich jetzt“, sagt dann „Ich würde mir wünschen, dass…“. Und dann ist es wie an einem Verhandlungstisch oder einem Basar und muss verhandeln und sagen „Also, wenn Du das so und so machen könntest, dann könnte ich mir vorstellen, dass...“ Und zum Schluss gibt es eine Art Agreement oder Mini-Vertrag.
Genau. Das meinte ich mit Sich-Arrangieren. Aber halt immer an dem konkreten Punkt bleiben. Man hat ja mehrheitlich eine ganz große Gemeinsamkeit, sonst wäre man nicht zusammen. Aber ich muss eben einkalkulieren – das ist das mit der Grundhaltung –, dass es auch persönliche Unterschiede gibt.
Streit lässt sich trotzdem nicht vermeiden, auch wenn man ganz gut in Konfliktlösungen ist. Ab und zu wird es einen Streit geben. Sie haben schon einige Punkte genannt, was man unbedingt vermeiden sollte. Dazu gehören Vorhaltungen wie „Läuft das nach 20 Jahren immer noch nicht“. Das können aber auch Verallgemeinerungen sein wie „Das machst Du nie!“ oder „Das machst Du immer!“ Und Sie haben in Ihrem Ratgeber auch geschrieben, man solle sich davor hüten, den Satz zu sagen: „Nicht ich schon wieder!“ Können Sie das ausführen?
Wenn beide sagen „Nicht ich schon wieder!“, dann springt jeder in seinen Schützengraben und wartet, dass der andere rauskommt. Und keiner kommt raus.
Fangen wir beim Beginn einer Beziehung an: Wenn sich zwei ineinander verlieben, dann will jeder den anderen für sich gewinnen. Und dann zeigt jeder sich, wie man so sagt, von der Schokoladenseite und geht automatisch in Vorleistung, verbal und in Geschenken. Und damit darf man nicht aufhören. Die Natur hat uns Menschen diese anfängliche Euphorie der Verliebtheit geschenkt, damit zwei andocken. Und diese anfängliche Euphorie, die kann drei Tage dauern, die kann drei Wochen, drei Monate, eineinhalb Jahre dauern. Aber spätestens nach zweieinhalb Jahren klingt diese Euphorie ab. Das heißt ja nicht, dass es langweilig wird, überhaupt nicht. Aber diese Euphorie klingt ab, weil sie ihren Dienst gemacht hat. Und dann ist das Entscheidende, dass sich die anderen Qualitäten in der Beziehung eingestellt haben. Nämlich, dass ich mich auf den anderen verlassen kann, dass er mich unterstützt und ich mich bei ihm aufgehoben fühle, er für mich vorhersagbar ist, ich ihn als loyal erlebe. Und wenn sich diese Qualitäten nicht eingestellt haben, dann wird es bitter, weil man dann nach dieser anfänglichen Euphorie auseinandergeht. Und wenn jemand meint, diese enorme Verliebtheit am Anfang ist ein Gradmesser für die Güte der langjährigen Beziehung, dann muss ich alle zwei Jahre den Partner oder die Partnerin wechseln.
Was wahrscheinlich häufig passiert, denn die Zahl der Trennungen in den ersten fünf Jahren ist enorm hoch, oder?
Ja, leider. Weil auch die Ansprüche an den Partner so hoch sind wie die ganzen Jahrhunderte vorher nicht.
Woran liegt das? Ich meine, man weiß doch, dass der Mensch fehlerhaft ist und wir Männer auch. Wie kommt es zu diesem gesteigerten Anforderungskatalog an Partnerschaften?
Da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, aber es kann auch die Schattenseite der Liebesheirat sein. Was sich häufig durch die Internetplattformen für die Partnersuche einstellt, ist dieses unglaubliche Angebot, was ich jeden Tag kriegen kann, wenn ich auf zwei, drei Plattformen unterwegs bin. Und dann stellt sich immer der Gedanke ein: Der oder die ist ja ganz nett, aber vielleicht gibt es ja doch noch was Besseres.
Ah, genau, die junge Generation hat einen Begriff dafür: FOMO, Fear of Missing Out.
Ja, genau. Das Wichtige für die lebenslange, langfristige erfüllte Beziehung ist, dass man sich nicht scheut, weiter in Vorleistung zu gehen. Das ist die Frage von vorhin. Und ich weiß nicht, war es Reich oder Buber, der gesagt hat: „Der Reichere kann mehr geben.“ Und wenn ich in der Beziehung feststelle, ich bin der Reichere, dann muss ich mehr geben.
Weil ich mehr psychische Ressourcen habe oder was auch immer.
Ja, oder ich tue mich – ganz banal – leichter mit der Steuererklärung und der andere kann es gar nicht…
Ach, wir können es beide nicht. (lacht) Okay, aber dafür gibt es ja auch Experten.
Das ist jetzt ein banales Beispiel. Und wenn ich mich leichter tue, irgendwo anzurufen, Termine auszumachen und dem anderen ist es zuwider, dann sage ich: „Ich mache das für Dich.“ Also das macht sich im alltäglichen Umgang fest. Wichtig ist, dass ich vom anderen immer den Goodwill spüre. Der vergibt sich nichts, sondern der tut sich da zum Beispiel leichter und das freut mich, dass er mir zuliebe das dann macht.
Und auch das ist ein heikler Punkt: „mir zuliebe“, weil viele denken, eine Anerkennung ist nur dann was wert, wenn sie spontan kommt. Und wenn ich sie mir abholen muss, dann zählt sie nicht. Aber sei spontan, geht nicht. Und wenn mir was fehlt in der Beziehung, dann darf ich bitte den Wunsch äußern und sagen: „Hey, nimm mich bitte in den Arm, wenn ich heimkomme.“
Für manche ist es dann wirklich so: Wenn ich es mir schon wünschen muss, dann ist es eh schon zu spät.
Ja, und damit stehe ich mir natürlich total im Weg. Das ist ganz wichtig.
Jetzt geht es in diesem Podcast um die Lebensmitte, also die Jahre zwischen 40 und 60. Hier sind viele Paare schon 15, 20 Jahre oder noch länger zusammen. Da müsste man doch meinen, dass solche Paare es mit der Zeit geschafft haben, Konflikte gut zu lösen. Ist das so?
Einerseits ja, natürlich. Man hat ja dann schon eine längere Zeit des gegenseitigen Kennenlernens haben dürfen. Und dann sollte es eigentlich umso leichter sein, mit Schmunzeln manches zu tolerieren oder zu quittieren. Aber, es klang vorhin ja schon an, in jedem Lebensabschnitt, im gesamten Lebenszyklus werden natürlich andere Rollen abgerufen. Oder es machen sich einfach neue Konfliktpunkte auf.
Ein Beispiel: Bei kleinen Kindern braucht es was ganz Anderes, als wenn ich Jugendliche habe. Dann gibt es die berühmte Empty-Nest-Phase, also wenn die Kinder erwachsen sind und aus dem Haus gehen, dann ist man wieder zu zweit. Da ist wieder mehr Kapazität da und die will miteinander gestaltet und genossen sein. Es gibt also in jedem Lebensabschnitt neue Herausforderungen. Und es braucht immer dieses Sich-arrangieren-Wollen. Und deswegen mit Verlaub nochmal das Wort Streitkultur: Da schwingt mit, Streit gehört einfach dazu und dann muss ich das kultivieren. Aber nochmal: Streit ist die destruktive Form. Also Streit bitte nicht kultivieren, sondern minimieren. Und manchmal liegen die Nerven blank, aber dann sollte man möglichst schnell zur Schadensbegrenzung auseinandergehen. Auch keiner von beiden sollte sich scheuen, dann aber nach einer Verschnaufpause auf den anderen wieder zuzugehen und zu sagen: „Sorry, komm, jetzt probieren wir es nochmal. Jetzt reden wir in Ruhe.“
Das klingt für mich so: Langjährige Paare haben schon eine Übung darin, Konflikte zu lösen, aber mit jeder Änderung des Lebens, zum Beispiel, wenn die Kleinkinder zu Teenagern werden oder durch das Empty Nest, tun sich auch wieder neue Konfliktmöglichkeiten auf, die gestaltet werden wollen.
Genau. Und dann darf vielleicht die erste Regung sein: Um Gottes Willen jetzt nicht schon wieder sowas! Aber dann weiß ich, das Bedauern kommt bei mir hoch. Das heißt, ich bin aufgerufen, mich mit meinem Partner, meiner Partnerin zu arrangieren.
Es gibt ja auch die Meinung, dass sich glückliche Paare gegenseitig Wünsche und Gedanken von den Augen ablesen. Ich behaupte jetzt mal frech, dass diese Meinung mehr Frauen vertreten als Männer. Ich bin leider überhaupt nicht fähig zum Gedankenlesen, mir muss man direkt was sagen. Aber ist an dieser Meinung ein Körnchen Wahrheit dran? Können wirklich gute Paare das?
Es kommt immer auf das Ausmaß an. Je länger man zusammen ist, desto mehr kenne ich ja den anderen. Und dann kann ich an manchem Gesichtsausdruck oder mancher Haltung natürlich schon ablesen: Wie geht es dem gerade? Und taugt dem das oder taugt dem das nicht? Also das gibt es schon. Und je länger man beieinander ist, desto größer ist die Chance, dass ich da mehr lesen kann. Aber der liebe Gott hat uns die Sprache gegeben, weil wir keine Röntgenaugen haben. Und deswegen ist es so wichtig, dass wir sagen, was wir uns wünschen. Also das steht nebeneinander. Ja, je länger ich beieinander bin, desto besser kenne ich meinen Lebenspartner. Und dennoch, gerade weil ja auch immer Neuerungen aufkommen, ist es wichtig, dass ich mich nicht scheue, das in Worte zu fassen, was ich mir vom Partner wünsche.
Absolut!
Und vielleicht noch als Anmerkung: Männer und Frauen sind sich weitaus ähnlicher, als man landläufig so meint. Es gibt schon ein paar Unterschiede, das kann man nicht leugnen, aber letztlich wollen, wenn wir nochmal an die Qualitäten der Beziehung denken, alle dasselbe: Alle wollen sich wohlfühlen in dem Miteinander. Menschen gehen eine Partnerschaft ein in der Zuversicht, dass das eine Bereicherung ist gegenüber dem Alleineleben. Und das wollen alle – Männer wie Frauen, egal in welchem Altersbereich. Universell, sagt der Psychologe.
Ja, das ist schön. Dann kann man sich auch gut im gegenseitigen Wunsch begegnen. In der Lebensmitte gehen ja auch manchmal Beziehungen zu Bruch. Wenn man Glück hat, findet man einen neuen Partner, eine neue Partnerin. Vor welchen Herausforderungen stehen späte Neupaare in Bezug auf Konflikte? Gibt es da etwas Besonderes oder ist das einfach nur zeitverzögert? Da begegnen sich jetzt zwei Menschen, die schon ein gewisses Päckchen an Lebenserfahrung, vielleicht auch Beziehungserfahrung mit sich herumtragen.
Ja, es macht natürlich in späteren Stadien des Lebens einen Unterschied. Erstmal wegen der Lebenserfahrung. Man selber verändert sich ja auch – panta rei…
…alles fließt.
Aber dann ist natürlich entscheidend, was ich vorher für Beziehungserfahrungen gemacht habe. Waren die mehrheitlich gut, dann tue ich mich leichter, eine neue Beziehung einzugehen. Habe ich schmerzliche Trennungen erlebt oder vielleicht sogar eine traumatische Trennung, dann programmiert sich das System „Person“ auf Vorsicht. „Nicht nochmal!“ ist dann der Alarmruf im Kopf. Und das beißt sich dann manchmal mit den neuen Gefühlen wie „Ich habe jetzt – Gott sei Dank – jemanden gefunden.“ Und da gibt es Vibrations und da ist Interesse und da ist Potenzial. Aber die Kehrseite der Liebe ist die Verlustangst. Und habe ich eben schmerzliche Beziehungserfahrungen gemacht, dann ruft das System „Person“: Pass auf! Und das versteht der neue Partner natürlich nicht, wenn der andere Erfahrungen gemacht hat. Auch da ist einfach wichtig, darüber zu reden. Es ist wichtig, sich auszutauschen: Wo komme ich her, was waren meine Erfahrungen mit Beziehungen? Aber nicht zu sehr ins Detail gehen, das ist auch wichtig, sondern nur so ungefähr, dass der andere einen Überblick über die Lebensgeschichte hat.
Kein Seelenstriptease.
Ja, genau.
Dann dauert es unter Umständen bei solchen Paaren einfach einen Ticken länger, bis dieses Andocken, diese Bindung, Vertrauen, bis die passiert sind.
Ja. Und Stichwort Vertrauen: Auf der ganzen Welt gibt es nur einen Menschen, der Vertrauen spenden kann und das ist der Partner, die Partnerin. Auch wenn mal ein Seitensprung passiert ist.
Neben Ihrem Ratgeber haben Sie die Online-Coaching-Plattform PaarBalance gegründet. Das klingt für mich wie ein Angebot zwischen Ihrem Ratgeber und einer Paartherapie. Für welche Paare oder Menschen ist PaarBalance besonders hilfreich?
Da fühle ich mich verstanden. Ich sehe das auch dazwischen.
Durch die Möglichkeit der neuen Medien ist das natürlich viel lebendiger. Ein Buch lesen ist auch schön. Aber, wenn ich multimedial was an Botschaft rüberbringen kann, dann hat das nochmal eine zusätzliche Qualität. So haben wir das gesehen. Ich habe jetzt die Zahl nicht im Kopf, aber es sind immer noch erstaunlich wenige Paare, die tatsächlich eine Paartherapie, sei es beim Therapeuten oder bei Pro Familia oder Diakonie, in Anspruch nehmen. Und dann ist es eben auch häufig so, dass, wenn eine Beziehung in einer kritischen Phase ist, nur einer bereit ist, sich Hilfe von außen zu holen.
Und deswegen haben wir versucht, mit dem neuen Medium eine Breitenwirkung zu erzielen. Jeder ist heute im Internet zugange und es gibt inzwischen ganz viele solcher Selbsthilfeprogramme oder digitale Gesundheitsanwendungen. Die Grundidee war, dass wir mit diesem Programm uns erstmal an den einzelnen Partner richten, weil eine Partnerschaft, eine Familie ein geschlossenes System ist, und wenn einer seinen Anteil zum Konstruktiven verändert, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass der oder die andere mitziehen. Außer der andere hat sich innerlich schon verabschiedet, dann geht es nicht mehr.
Ja, dann geht eh nichts mehr
Natürlich können es auch beide Partner gleichzeitig oder nebeneinander machen, aber dann muss jeder seinen eigenen Account anlegen, und man kann sich darüber austauschen. Das Programm will in 18 Sitzungen die Zutaten für eine erfüllte Beziehung vermitteln. Jede Sitzung dauert ungefähr 20 Minuten und vermittelt eine solche Zutat. Und eine Sitzung besteht aus drei Teilen. Die Zutat wird in einem circa fünfminütigen Video mit gezeichneten Charakteren eingeführt. Anschließend kommen zu diesen Aspekten zwei, drei Übungen direkt auf den Bildschirm, mit denen ich die Zutat auf mich und meine Beziehung übertrage. Und im dritten Teil kommen quasi Hausaufgaben, die vorgeschlagen werden oder man kann sich selber eine Umsetzung ausdenken. Zwischen den Sitzungen kommen Erinnerungs- oder Aufmunterungsmails.
Mit wie viel Zeit muss ich rechnen, wenn ich das ganze Programm durchlaufen will?
Wir haben früher gedacht, man schafft zwei Sitzungen in der Woche. Aber es hat sich herausgestellt, dass das Leben in dieser Zeit und in diesem Eck der Welt so komplex ist, dass wir jetzt mit einer Sitzung pro Woche rechnen. Dann dauert es erfahrungsgemäß ein Vierteljahr.
Das klingt für mich niederschwellig. Ich kann mir vorstellen, der eine oder andere Mann, der ein Graus davor hätte, zu einem Paartherapeuten zu gehen, weil er dann, so wie wir jetzt, auf einer Couch sitzt und seine Probleme ausbreiten soll, sich damit vielleicht fühlt wohler. Weiß man, ob mehr Männer oder mehr Frauen das nutzen oder ist das ziemlich gleich?
Es ist ziemlich gleich. Wir haben unser Programm inzwischen methodisch untersucht und in Publikationen die Wirksamkeit nachweisen können. Es gibt auch eine intensive Forschung über all diese Online-Hilfen, die es gibt. Die absolute Koryphäe in Europa ist Professor Berger von der Uni Bern. Er konnte zeigen, dass unter bestimmten Umständen Online-Hilfen genauso wirksam sind wie Face-to-Face-Therapie. Und die ideale Anwendung ist natürlich eine Kombi, dass man zum Paartherapeuten oder einem anderen Therapeuten geht und begleitend zwischen den Sitzungen so eine Online-Hilfe durchläuft. Sie ist hochwirksam in allen Bereichen.
Titelfoto von Paddy O Sullivan auf Unsplash
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Interessante Links:
Buch „Partnerschaftsprobleme?“ von Ludwig Schindler, Kurt Hahlweg, Dirk Revenstorf
