Warum erwachsene Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen – und was Väter daraus lernen können

Stoppzeichen am Weg

Stell Dir vor: Deine Kinder sind erwachsen und ausgezogen. Du freust Dich über neuen Freiraum – aber auch auf gemeinsame Besuche. Und dann kommt die Nachricht: „Ich möchte keinen Kontakt mehr mit Dir haben.“ Ein Satz, der das Leben der Eltern erschüttert. Tatsächlich erleben viele Väter und Mütter in Deutschland genau das. Wie es zu solchen Brüchen kommt – und ob und wie Versöhnung möglich ist – darüber hat Joachim Zdzieblo mit Claudia Haarmann gesprochen. Sie ist psychotherapeutische Heilpraktikerin und hat sich auf Bindungs- und Beziehungsdynamiken in Familien spezialisiert.

Laut einer Schätzung von Soziologen haben etwa 100.000 Erwachsene in Deutschland den Kontakt zu ihren Eltern eingestellt. Nehmen Kontaktabbrüche zu?

Na, erstmal müssen wir diese Zahl korrigieren, die ist nämlich sehr alt. Man wusste vor Jahren überhaupt nicht, wie viele Menschen betroffen sind. Heute haben wir in Deutschland eine sehr klare Aussage. Es gibt eine Studie der Universitäten Halle und Köln, die besagt, dass 20 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 45 Jahren, also jeder Fünfte/jede Fünfte, keinen Kontakt mit dem Vater haben und 10 Prozent keinen Kontakt mit der Mutter. Das ist gigantisch. Das bedeutet: Wenn wir das hochrechnen, bewegen wir uns hier im Millionenbereich.

Also das ist kein Randthema. Das ist wirklich mitten in der Gesellschaft.

Ja, das ist absolut ein gesellschaftliches Thema. Es gibt interessanterweise in England eine Organisation, die heißt Standalone. Die beschäftigt sich ausschließlich mit dem Thema. Und da ist sehr deutlich geworden, dass es mehr als die Hälfte der Familien betrifft, dass Familien sagen: „Bei uns gibt es dieses Thema der Entfremdung und des Kontaktabbruchs.“

Wir reden hier ja nicht von Kindern, die zum Beispiel unter einem gewalttätigen, alkoholkranken Vater gelitten haben oder massiv vernachlässigt wurden. Wir reden von Familien, die von außen betrachtet normal oder sogar glücklich gewirkt haben. Richtig?

Ach, da bin ich froh, dass Sie das direkt am Anfang klarstellen. Nein, ich sage immer: Das sind Familien wie Deine und meine. Wissen Sie, ich mache ja Beratungen zu dem Thema. Ich berate Väter, Mütter, die von dem Thema betroffen sind. Ich berate junge Erwachsene, die überlegen, aus dem Kontakt zu gehen. Und ich kann immer wieder nur sagen: Das sind meist Menschen, die könnten zu meinem Bekanntenkreis gehören. Das sind wirklich Menschen wie Du und ich. Und es ist wichtig, da direkt zu Beginn zu differenzieren. Ich spreche nicht von Familien, in denen es Gewalt gibt, in denen es sexuelle Gewalt gibt. Sehr schwierig ist auch das Thema, wenn Elternteile psychotisch, also schwer psychiatrisch erkrankt sind. Das ist eine spezielle Problematik in den Familien, wo die Kinder wirklich auch auf Distanz gehen müssen.

Um seelisch gesund zu bleiben.

Genau, sie müssen sich abgrenzen, um seelisch gesund zu bleiben.

Jetzt klammern wir mal diese Spezialfälle aus. Was sind denn die Gründe für die gestiegenen Raten, wenn das so ein häufiges Thema ist in der Gesellschaft?

Wir wissen gar nicht, ob die Raten gestiegen sind, wann die angefangen haben oder wann das angefangen hat, dass das mehr und mehr wird. Wir können erst mal sagen, dass für meine Generation, also für die Menschen, die in 50er- und 60er-Jahren geboren sind, das absolut ein Tabu war. „Du sollst Vater und Mutter ehren“, „Das gehört sich nicht“, „Du willst doch etwa nicht undankbar sein“ und so weiter. Das ist das, was wir gelernt haben. Und egal wie schrecklich das Elternhaus war, wir sind geblieben.

Jetzt hat es ja mit den 70er-Jahrgängen, den 80er- und 90er-Jahrgängen angefangen, dass Menschen zur Therapie gegangen sind. Dass es auf einmal gesellschaftsfähig wurde, sich therapeutische Unterstützung zu holen. Dass man Bücher lesen konnte über Eltern-Kind-Beziehungen. Dass man so etwas gesagt hat wie „Kinder müssen stark gemacht werden“, „Kinder haben Bedürfnisse“, „Kinder brauchen Unterstützung“. Damit taucht natürlich auch die Frage auf: Interessant, wie war das denn bei mir?

Und die großen Vorwürfe der heute jungen Erwachsenen, die aus dem Kontakt gehen, heißen immer: „Ich fühle mich nicht verstanden. Ich habe das Gefühl, ihr habt überhaupt keine Ahnung, was in mir vor sich geht, wer ich bin, was ich möchte. Es gibt keine Nähe in unserer Familie oder es gibt eine Nähe, die so erdrückend ist, dass ich es nicht mehr aushalte.“ Also wir haben auf einmal eine Generation, die die Familiendynamik, die Bindungsdynamik reflektiert.

Gut, dass Sie das sagen. Ich bin Jahrgang 1970 und ich hätte es auch so eingeschätzt. Ich kenne einen einzigen Fall in meinem Freundeskreis, wo mein Freund den Kontakt zu den Eltern abgebrochen hat. Sie haben gesagt, ab den 70er-Jahrgängen geht es los, dass die Menschen therapieerfahren sind. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass wir noch anders gepolt waren, nach dem Motto „Die Familie verlässt man nicht. Das gehört sich einfach nicht. Blut ist dicker als Wasser.“ Noch eine Frage. Wir haben ja hier die Männer im Blick, ganz konkret die Väter. Spielt die Lebensmitte der Väter und ihre Neuorientierung in der Lebensmitte, also zum Beispiel durch Gründung einer neuen Familie, auch eine Rolle?

Ich habe ja gesagt, 20 Prozent der erwachsenen Kinder haben keinen Kontakt zu ihren Vätern. Lassen Sie uns mal gucken, was das für Hintergründe hat. Das hat natürlich den Grund, dass Ehen geschieden werden. Es hat den Hintergrund, dass Väter, wenn es problematisch wird, gehen, viel schneller gehen, als Mütter das jemals könnten und tun würden. Es hat den Hintergrund, dass in der Regel die Kinder bei der Mutter bleiben und der Kontakt zum Vater immer weniger wird. Aber es hat natürlich auch die Gründe, dass in kriselnden Ehen Loyalitäten von den Kindern verlangt werden.

Entweder Papa oder Mama – entscheide Dich!

Entweder Papa oder Mama – und eben sehr häufig Mama, das heißt gegen die Väter. Das ist das eine. Zu Ihrer Frage aber: Was ich deutlich sehe bei den Männern in Ihrem Alter, da gibt es auf einmal die Auseinandersetzung mit der Frage „Wie war mein Verhältnis zu meinem eigenen Vater?“ Und sehr häufig gibt es den Satz: „Ich konnte mit meinem Vater nie reden.“ Sehr häufig geht es wirklich um eine Sprachlosigkeit, was die Gefühlswelt betrifft, was das ganz zutiefst Persönlichste betrifft. Viele Väter der älteren Generation… Wann ist Ihr Vater geboren?

Der war schon alt, 1930.

Der war also schon 40, als Sie geboren wurde. Und er war ein Kriegskind, ein Kriegserwachsener. Der hat den Krieg erlebt als Jugendlicher. Und viele von diesen Vätern sind eben sprachlos gewesen.

Da sind wir schon beim nächsten Thema, Frau Haarmann. Die tieferen Gründe für den Kontaktabbruch liegen ja meist nicht nur in dieser einen Familie, in dieser einen kleinen Mikro-Umgebung einer Familie, sondern die reichen weit zurück in der Familiengeschichte. Wie ist das zu erklären?

Es gibt viele Themen, die eine Rolle spielen. Da kommen wir vielleicht gleich drauf. Aber mir ist wichtig, dass man sieht: Kontaktabbruch ist ein Familienthema. Wir können es nicht verstehen, wenn wir nicht das ganze Familienbild sehen. Lassen Sie uns mal kurz bei den Vätern bleiben. Wie oft höre ich, dass Väter wie Ihr Vater, also von allen, die nach 1970 geboren sind, noch kriegstraumatisiert waren? Wie oft gibt es Väter, die noch im Krieg waren, vielleicht als Jugendliche, die Dinge gesehen haben, die sie niemals verarbeiten konnten, wo niemand geholfen hat, dass sie die verarbeiten konnten. Die wie in einer inneren Erstarrung hängen geblieben sind und das kompensiert haben. Es gibt viele, die das mit Alkohol kompensiert haben, im Machen und Tun, im Sport, in der Bastelstube, wo auch immer. Die zwar irgendwie da waren und am Leben teilgenommen haben, aber ein Teil war wie nicht da.

Es geht nicht darum, dass ich sage „Hör mal Papa, ich habe das und das Problem mit Dir“, sondern es geht immer darum, was ich mit ihm in meinem Leben, in meiner Kindheit erlebt habe, was ich von ihm gesehen, gelernt, gefühlt habe. Daran hängen die Problematiken. Und wir können das nur verstehen, wenn wir das gesamte Bild sehen, nämlich, dass dieser Vater selber eine hohe Problematik in sich trägt.

Ich muss sagen, ich habe sehr Glück mit meinem Vater gehabt. Aber wenn ich daran zurückdenke, hat er wenig vom Krieg geredet. Er hat unmittelbar nach dem Krieg, 1946, seinen Vater verloren. Da war er gerade 16. Und erst als er gestorben war und wir die Wohnung aufgelöst haben, haben wir Tagebücher gefunden und darin gelesen, dass dies ein Riesenschmerz für ihn war, den er bei uns zwar schon mal grob formuliert hat, aber nicht so, dass wir das wirklich fassen konnten. Da war schon eine gewisse Sprachlosigkeit da. Kommen wir nochmal zu den kontaktabbrechenden Kindern. Wie geht es diesen in der Zeit der Distanz? Atmen die auf? Sagen die „endlich Luft“? Oder geht es denen auch schlecht?

Denen geht es auch schlecht. Ich spreche jetzt von jungen Erwachsenen, aber es gibt ja auch Menschen, die mit 50 aus dem Kontakt zu ihren Eltern gehen. Das ist gar nicht so unüblich. Das ist immer ein unglaublicher Prozess, durch den diese Menschen, Söhne und Töchter, gegangen sind. Das macht kein Mensch ad hoc, sondern das ist etwas, wo über Jahre die Problematik deutlich wird und der Schmerz zugelassen wird.

Es ist gut, dass Sie das von Ihrem Vater erzählt haben. Der konnte seinen Schmerz nicht formulieren. Das heißt, der war immer ein Stück zurückgenommen. Die Fühlfähigkeit, so sagen wir, ist nicht mehr so deutlich da, wenn man unverarbeitete traumatische Erlebnisse in sich trägt. Und wenn ich aber diese Fühlfähigkeit nicht mehr habe, wie soll ich mich dann einfühlen in andere, in meine Familie, in mein Kind? Alles das, was schmerzhaft werden könnte, versuche ich irgendwie zu vermeiden, damit dieser kleine Vulkan, der in mir ist, immer schön in Schach gehalten wird.

Claudia Haarmann, psychotherapeutischen Heilpraktikerin
Die psychotherapeutischen Heilpraktikerin Claudia Haarmann (Foto: Thekla Ehling)
Nochmal zu den kontaktabbrechenden Kindern: Wenn Sie sagen, das ist ein Prozess, der lange dauert, kann ich mir vorstellen, dass diese Kinder auch vorher immer mal wieder Signale senden, wie „Jetzt ist es mir zu viel“ oder „Von dir kommt gar nichts“. Zeichnet sich sowas ab? Aber das ist wahrscheinlich genau der Haken, dass diese Mütter und Väter wenig Gespür für ihre Kinder haben. Dass sie dann Signale übersehen, die immer wieder gesendet werden, bis es dann wirklich zum Steckerziehen kommt.

Ja, das ist genau so, wie Sie sagen. Wissen Sie, grundlegend können wir doch sagen: Kinder lieben eigentlich ihre Eltern. Da baut sich nur etwas auf. Ich höre wirklich sehr häufig, dass die Kontaktabbrecher sagen: „Ich mag meine Eltern. Ich möchte ihnen auch nicht wehtun, aber so wie unsere Beziehung ist, diese Sprachlosigkeit, kann ich das nicht mehr. Ich müsste mich immer wieder selbst zurücknehmen. Und für mich ist ein Punkt erreicht, wo das nicht mehr geht.“ Das ist wichtig. Und dann sagen die Eltern häufig: „Ich weiß gar nicht, was passiert ist. Wie kommt das Kind dazu, jetzt aus dem Kontakt zu gehen? Ich habe keine Ahnung, warum.“ Das heißt: Sie haben die Signale nicht registrieren wollen und können.

Das hat etwas mit dieser Sprachlosigkeit zu tun. Wenn jetzt beispielsweise der Sohn kommt und sagt: „Ich würde gerne mal mit Euch über unsere Beziehung reden. Kriegt Ihr nicht mit, dass wir über bestimmte Sachen gar nicht reden?“ Oder: „Kriegt Ihr nicht mit, dass Ihr etwas von mir gar nicht wissen wollt?“ Die Eltern reagieren, indem sie sagen: „Aber Kind, wie kannst Du das denn sagen. Wir haben Dich doch so gerne, und es ist doch alles gut. Und wir haben doch alles für dich getan.“ Da kommen die Eltern mit dem „Aber“. Und das bedeutet für diesen Sohn: „Und schon wieder verstehen sie mich nicht!“

Ja, wieder eine Zurückweisung.

Wieder ist es eine Zurückweisung. Und das kumuliert bis zu einem bestimmten Punkt, wo dann der Sohn sagt: „Ich kann nicht mehr.“ Wenn ich mich von meinen Eltern nicht gesehen und nicht geliebt fühle, dann bedeutet das, ich brauche wirklich eine Zeit, um das zu verarbeiten. Ich brauche dann die Konzentration auf Beziehungen, in denen ich etwas nachholen kann, in denen ich etwas erlebe, was ich früher nicht bekommen habe. Das kann auch bedeuten, dass ich therapeutisch was für mich tue, um meine innere Stärke und Kraft und meinen eigenen Wert aufzubauen. Und die Zeit brauchen Söhne und Töchter, um genau das zu tun.

Jetzt haben wir über die Seelenlage der kontaktabbrechenden Kinder gesprochen. Was geht in den verlassenen Eltern vor in der Zeit der Distanz?

Die Eltern sind aus den Jahrgänge der 50er- und 60er-Jahre. Das heißt, die sind nach dem Krieg geboren worden. Die hatten alle Eltern, die Kriegserfahrungen hatten, die wirklich stark betroffen waren. Und das sind alles Menschen, die eine – das sage ich ganz deutlich – ganz harte Kindheit hatten. Unsere Generation ist geprügelt und zurechtgewiesen worden: „Sei lieb! Willst Du etwa ungehorsam sein?“ Die haben all das jeden Tag gehört, mussten sich anpassen und vor allen Dingen mussten sie lernen zu funktionieren.

Ja, auch gerade in den Aufbaujahren nach dem Krieg.

Absolut!

Ganz viele Eltern haben das Land wiederaufgebaut und waren für die Kinder nicht verfügbar. Die wurden dann zur Oma abgeschoben, weil sie einfach beim Wiederaufbau, beim Sich-ein-neuen-Leben-Aufbauen gestört haben.

Genau. Die Kinder haben gestört. Die haben auch deshalb gestört, weil man irgendwie gemerkt hat: „Boah, wir haben überlebt!“ Und mein Vater hat mal gesagt: „Es war eigentlich das Gefühl, wir müssen nur noch feiern, dass wir da durchgekommen sind.“ Und diese Eltern haben verdrängt, die haben eine Betonplatte über alles gelegt, was irgendwelche Fragen nach der Nazizeit, nach der Selbstbeteiligung, nach der Judenfrage, nach all dem hätte auslösen können. Das wurde wie unter einer Betonplatte eingemauert. Damit sind wir groß geworden. Und das ist wirklich erst mal ganz wichtig, dass wir verstehen: Die Elterngeneration hat gelernt zu verdrängen, zu vermeiden, die Dinge nicht wahrhaben zu wollen.

Jetzt kommen die erwachsenen Kinder und legen den Finger in die Wunde und sagen: „So und so fühlt sich das für uns an.“ Das heißt, die Eltern kommen vielleicht aus ihrer Ohnmacht heraus, die sie immer gelebt haben, und wissen aber gar nicht, wie sie damit umgehen. Wenn ich das verdrängt habe und nie wirklich gefühlt habe, was da an Problematik in meiner Familie ist, wie soll ich dann auf einmal darüber reden können? Und das ist im Grunde einer der zentralen Konflikte. Wir haben es mit jungen Männern und Frauen zu tun, die endlich reden, die einen Zugang zu sich selbst und ihren Bedürfnissen haben. Und dagegen steht eine Elterngeneration, die das verdrängt und vermieden hat, genau dahin zu sehen. Also der Gegenpol heißt für mich Eltern, die Selbstbeschränkung gelernt haben, und Kinder, die sich selbst befreien und eine Selbstfürsorge betreiben. Das sind die Pole zwischen den beiden. Und da gibt es so viele Unverständlichkeiten und Missverständnisse.

Wenn man in das Seelenleben der verlassenen Eltern reinschaut: Was geht in ihnen gefühlsmäßig vor? Also ich stelle mir jetzt vor, meine Tochter sagt zum Beispiel: „Papa, das war es jetzt. Ich möchte Dich erstmal nicht mehr sehen und hören.“

Ja, dramatisch, oder?

Also für mich wäre es ein Riesendrama. Aber bleiben die in der Ohnmacht? Denn sie kommen ja aus einer Ohnmacht, aus dieser Betondecke. Oder lassen die Gefühle erstmals zu? Bricht sich der Schmerz Bahn?

Da gibt es natürlich große Unterschiede. Wenn ich ohnehin dazu neige, mein Leben eher depressiv, gedämpft zu führen, falle ich in einen Schmerz, der sich kaum heilen lässt oder der kaum Hoffnung zulässt. Man muss sich vorstellen, die Eltern sind ja dann 60, 70 und älter. Das heißt, in dem Alter bist Du dabei, nochmal auf Dein Leben zu gucken. Du hast so viel geschaffen und gearbeitet und Deinen Kindern alles ermöglicht. Du hast vielleicht ein Haus gebaut oder dies und jenes gemacht. Und jetzt willst Du Dich zurücklehnen und das auch genießen, und dann kommt der Bruch. Das ist wirklich, als würde diesen Eltern der Boden unter den Füßen weggezogen, weil sie das in der Regel gar nicht haben kommen sehen.

Also wie gehen wir damit um? Das ist sehr, sehr unterschiedlich. Ich habe mittlerweile mit Hunderten von Eltern gesprochen. Ich erlebe auch Eltern, die das als Chance sehen. Die mitkriegen: „Ich habe immer gespürt, dass irgendwas schräg ist in unserer Familie. Ich habe immer so ein ungutes Gefühl gespürt, dass wir gar nicht richtig miteinander reden können. Dass wir doch lieber über das Wetter, den Restaurantbesuch und Tante Emmy reden, als dass ich mal sagen kann: Mir geht es auch nicht so gut.“ Also die Eltern wissen ja eigentlich darum. Und jetzt kommen die Kinder und sagen: „Das und das sind die Themen bei uns in der Familie.“ Und wenn die Eltern das nutzen, dann sind sie wirklich offen. Und ich erlebe diese Eltern als unglaublich bereit, sich selber und ihre Familiensituation zu reflektieren. Ich sage immer, der Schmerz des Abbruchs ist größer, als die Angst, hinzugucken.

Ja. Jetzt stelle ich mal eine Vermutung an. Sie können sagen, ob ich da richtig oder falsch liege. Ich vermute, dass bei den Eltern, die sagen „Das ist eine Chance für uns, wir schauen mal auf unsere eigene Geschichte, auf unsere Familiengeschichte“ es mehr die Frauen sind, die die Initiative übernehmen. Ist das richtig?

Ja, absolut!

Ja, klar. Schade, dass Sie das bestätigen, aber ich habe es vermutet. (lacht)

Ich kann wirklich sagen: Die Eltern, die sich an mich wenden, sind zu 90 Prozent Mütter.

Na ja, wie immer.

Manchmal wenden sich auch Paare an mich. Das heißt, der Vater sitzt dann auch dabei. Ich glaube, dass wir Frauen geneigt sind, leichter selbstreflektiv unser Leben anzuschauen als die Männer. Das hat mit dieser Sprachlosigkeit zu tun. Das ist eine tradierte Sprachlosigkeit, wo viel Trauma von einer solchen Wucht dranhängt, dass es eben auch sprachlos gemacht hat. Mir ist das wichtig, dass wir das nochmal deutlich machen. Das ist ja nicht etwas, was die Männer verursachen oder wo sie irgendwie schwach sind, sondern da hängt etwas dahinter, was eben sprachlos gemacht hat.

Als Kind kannst Du Dich ja schlecht entscheiden, wie Du reagierst. Du steckst in einem Familiensystem drin und dann kapselst Du halt Sachen ab, weil man darüber nicht gesprochen hat. Dann kapselst Du diesen Teil von Dir ab.

Ja, Du hast einen Vater als Mann gesehen, der sich einigelt, der sich zurückzieht. Wo Du spürst, der trägt wirklich etwas Schweres. Aber Ihr kommt nicht dran. Und das ist ein Muster, was natürlich weitergegeben wird.

Jetzt sitzen oft die Mütter bei Ihnen, manchmal auch die Paare. Die berichten ja auch ein bisschen. Leiden denn verlassene Väter anders als Mütter?

Ja.

Inwiefern?

Sagen wir mal, verlassene Mütter weinen, sind betroffen, sind wirklich zutiefst verletzt und berührt. Väter zeigen da schnell eine Fassade, immer noch. „Der wird sich schon wieder berappeln.“ Und: „Das wird schon wieder gut werden.“ Oder: „Der kann doch nicht…“ Oder Väter werden auch wütend und sagen: „Was?! Ich habe alles gemacht für Dich und jetzt das. Dann will ich auch nichts mehr mit Dir zu tun haben!“ Also die Abwehr ist sehr schnell sehr groß.

Sie haben vorher gesagt, was auch die unmittelbaren Ursachen sind, jetzt nicht die transgenerationalen, die wir gerade besprochen haben, sondern so was wie zu wenig Nähe oder zu wenig Liebe, zu viel Nähe, zu viel Liebe. Können Sie typische Fallbeispiele nennen? Ich glaube, über „zu wenig Nähe“ haben wir schon gesprochen. Das kann ich mir ganz gut vorstellen. Können Sie „zu viel Nähe“ erklären?

Mit zu wenig Nähe, damit meine ich ganz deutlich auch zu wenig Bindung, zu wenig Beziehung. Wie oft höre ich von jüngeren Erwachsenen, dass sie sagen: „Ich kann mich überhaupt nicht erinnern, bei meiner Mutter jemals auf dem Schoß gesessen zu haben.“ Oder: „Ich kann mich gar nicht erinnern, dass es mal mit meinem Vater auch eine körperliche Nähe gab. Es gab wirklich Distanz. Man funktionierte so gut.“ Und das Interessante ist, dass diese Kinder gelernt haben, autonom zu sein. Und sie müssen sogar autonom sein, weil die Eltern diese Nähe nicht herstellen können. Diese Menschen haben gelernt, gut zu funktionieren, weil sie sich so alleine gefühlt haben.

Die andere Seite, und die ist heute viel häufiger, ist, dass gesagt wird: „Meine Mutter ruft jeden Tag dreimal an. Die ist ständig dabei. Meine Eltern haben ganz klare Vorstellungen, wie meine Kinder zu erziehen sind. Die mischen sich ständig ein. Wir sollen uns so nah sein. Sie sind an allem und immer interessiert. Sie schenken mir das, wo ich nur mal piep gesagt habe. Dann ist das schon da.“ Also sie kümmern sich und sie sind überfürsorgend, überliebend, während die anderen ja unterliebt sind. Und das geht dann so weit, dass diese Menschen sagen: „Ich habe das Gefühl, ich kann gar nicht mehr richtig durchatmen, weil da sitzen immer meine Eltern, da sitzt immer meine Mutter.“

Hände haltend
Die meisten Kontaktabbrüche sind nicht auf ewig. (Foto von Viktor Mogilat auf Unsplash )
Eine komplette Grenzüberschreitung.

Ja, sie können die Grenzen, meine Grenzen nicht wahren, definitiv. Und das bedeutet. Ich darf nicht autonom sein, sondern ich muss nah sein. Liebe zwischen Eltern und Kindern bedeutet: Ich bin Dir nah und Du bist mir nah. Und gleichzeitig bist Du autonom, bist Du Dein eigener Mensch, bist Du ein eigenes Wesen, was ich respektiere. Und um diese Balance geht es immer. Und wenn es eine Störung auf der einen oder anderen Seite gibt, dann gibt es Probleme.

Man muss ja auch sagen, man hat als Eltern, wenn man nicht gerade 10 oder 12 Kinder kriegt, einen begrenzten Übungsspielraum. Das heißt, diese Loslösung in der Pubertät, als Eltern zu sagen „Okay, das ist jetzt die Entscheidung des Kindes, ich ziehe mich da zurück“, will ja auch geübt sein. Ich habe das auch bei mir erlebt, dass es manchmal schwierig war, wenn ich zu meinem Kind gesagt habe „Du könntest doch das und das machen.“ Und dann gibt es vom Kind ein Stoppschild und es sagt: „Papa, das mache ich aber alleine.“ Ist für mich ja auch entlastend, muss man sagen.

Ja, das ist ein riesiger Lernprozess auf beiden Seiten.

Ja, genau, ein riesiger Lernprozess auf beiden Seiten. Sie schreiben in Ihrem Buch „Der Schmerz verlassener Eltern“, dass die meisten Kontaktabbrüche nicht auf ewig sind, sondern dass bei vielen nach einiger Zeit wieder eine Annäherung stattfindet. Wie hoch ist die Rate der erneuten Kontaktaufnahme?

Sehr, sehr hoch. In der Studie, die über zehn Jahre ging, haben sich 63 Prozent innerhalb dieser Zeit ihren Eltern wieder angenähert. Und das ist auch meine Erfahrung. Das will ich auch deutlich sagen: Es geht darum, dass diese Töchter und Söhne zu sich finden, dass sie mitkriegen: Was will ich von meinem Leben? Was will ich, wenn ich nicht auf meine Eltern höre? Wenn ich nicht tue, was die sich wünschen, sondern wenn ich meinem eigenen Lebensfaden folge? Und wenn ich mich stabilisiert habe, dann interessanterweise kann ich die Frage stellen: Warum sind meine Eltern eigentlich so, wie sie sind? Warum sind die so überbordend oder warum sind die so kühl bis kalt? Und dann fange ich an, das ganze Bild zuzulassen. Also, was hängen da für Wurzeln dran in unserer Familie? Und das ist der Punkt, wo es eine Wiederannäherung gibt.

Wie lange dauert denn durchschnittlich die Zeit der Funkstille? Haben Sie da Erfahrungswerte? Gibt es dazu Studien?

Nein. Ich habe ja ein Buch geschrieben, wo ich mehr die Position der Kinder einnehme. Das heißt „Kontaktabbruch in Familien“. Und dieses Buch, das beschäftigt sich eher mit den Eltern. Was passiert mit denen? Da nenne ich zwei Beispiele, bei denen es einen Kontaktabbruch von über zehn Jahren gegeben hat und interessanterweise in diesem Prozess der Auseinandersetzung der beiden Mütter tauchen die Kinder auf einmal wieder auf.

Ich bin überzeugt, wenn wir als Eltern reflektieren, was ist mit uns passiert, warum haben wir uns wie verhalten, was ist der Schmerz in uns? Und vor allen Dingen die ganz entscheidende Frage: Was ist der Mangel in mir, was habe ich vermisst? Wenn ich weiß, was meine Sehnsucht ist, was ich vermisst habe auf meinem Lebensweg, dann kriege ich vielleicht eine Ahnung davon, was der Wunsch ist, den ich auch an mein Kind richte. Das ist von Bedeutung, weil ich das sehr häufig übrigens von Söhnen höre, dass sie spüren, dass die Mutter eine Sehnsucht hat, geliebt zu werden, oder dass er nah ist, dass er die Mutter versteht, und die Mutter nicht akzeptieren kann, dass der Sohn nicht lieb ist.

Ja, verstehe. Was können betroffene Eltern oder in unserem Fall Väter machen? Ich kann mir vorstellen, dass jeder Versuch einer Kontaktaufnahme seitens der Eltern die Kluft vertieft. Ich muss die Füße stillhalten, wenn das Kind sagt „Ciao, das war's“, oder?

Ich muss das akzeptieren. Wenn ich es nicht akzeptiere, signalisiere ich dem Kind: „Das, was Du sagst, was Dich beschäftigt, das interessiert mich nicht, sondern ich brauche den Kontakt mit dir. Ich möchte, dass wir eine heile Familie sind.“ Und das treibt die Kinder immer weiter weg. Das ist wirklich wichtig. Ich sage immer wieder, ich glaube, was wirklich gut ist, gerade interessanterweise zwischen Vätern und Söhnen, dass die Väter den Söhnen sagen, »Wenn Du mich brauchst, bin ich da«.

Dann liegt der Ball im Spielfeld des Sohnes und er entscheidet, wann der Kontakt wiederaufgenommen wird.

Und er hat gehört, dass der Vater sagt: „Du bist mir so wichtig und wenn Du mich brauchst, dann bin ich da, weil Du mein Sohn bist und ich Dich liebe.“

Sie haben gesagt, dass die jüngere Generation, auch schon mein Jahrgang und aufwärts sich stärker mit dem eigenen Gefühlsleben beschäftigt, vielleicht auch schon Therapie gemacht hat. Wenn sich die junge Generation stärker mit ihrem Gefühlsleben beschäftigt und dieses transgenerationale Muster der Weitergabe von Traumata durchbricht, werden wir dann künftig weniger Kontaktabbrüche in Familien haben?

Ich hoffe es. Wissen Sie, unser Seelenleben ist so hochkomplex. Und wir konstatieren, die heutige gesellschaftliche Situation, mit Themen wie Kinder stärken, das Wissen über Bindungsthematiken und so weiter, das ist ja zum ersten Mal in der Welt aufgetaucht. Das heißt, wir haben einen großen Hype. Und das hat Konsequenzen. Und wir wissen nicht, wenn sich das mal etabliert hat, wohin das führt. Und offen gestanden, ich vermute, dass meine Enkel sich auch mit ihren Eltern auseinandersetzen werden und auch Thematiken mit ihren Eltern haben. Obwohl ich zum Beispiel an meinem Sohn, meiner Schwiegertochter sehe, wie wunderbar sie das mit den Kindern machen. Dass sie Liebe so ausdrücken können. Das ist wirklich ganz, ganz schön zu sehen.

Titelfoto von Serge S auf Unsplash

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Interessante Links:

Claudia Haarmann im Netz: https://claudia-haarmann.de/

 

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