Lange habe ich das Klischee der Lebensmitte in meinem Blog vermieden. In diesem Beitrag steht sie im Fokus: die Midlife Crisis. Sie ist eine tiefgreifende Phase der Neuorientierung – für Männer wie für Frauen. Und nicht selten gerät dadurch die Paarbeziehung ins Wanken. Mein Gesprächspartner Peter Gigler hat den Mythos wissenschaftlich untersucht. Er ist Coach mit dem Schwerpunkt Paarbeziehungen und hat sich in seiner Masterarbeit mit der Midlife Crisis und ihren Auswirkungen beschäftigt.
Peter, die Midlife Crisis wird in unserer westlichen Kultur fast automatisch Männern zugeschrieben. Sie holen das Schlagzeug aus dem Keller, kaufen sich ein Motorrad und suchen sich eine junge Geliebte. So das Klischee. Dabei ist die Midlife Crisis ursprünglich kein männliches Problem, sondern ein weibliches. Wie das?
Ja, dazu gibt es ein tolles Buch. Es ist schon einigermaßen alt, hat aber noch immer Bedeutung. Es ist von Gail Sheehy und heißt „Passages“. Sie hat sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und hauptsächlich in Bezug auf Frauen. Und da wurde schon festgestellt, dass es auch bei der Frau verschiedene Lebensphasen gibt und so etwas wie eine Midlife Crisis, sie nennt es Transition.
Genau, und Du hast in einem Blogbeitrag geschrieben, dass Frauen früher in eine solche Krise der Lebensmitte kommen. Warum ist das so und wie groß ist der Zeitunterschied zwischen der weiblichen und der männlichen Midlife Crisis?
Aus meinen Erfahrungen aus den Paar-Coachings ist das schon um einiges früher. Bei Frauen kann man im Grunde genommen davon ausgehen, dass es schon mit 35 Jahren möglich ist, in eine Krise zu kommen, meistens wenn das kleinste Kind aus dem Gröbsten heraus ist.
Aus dem Gröbsten heraus heißt, wenn das Kind in der Pubertät ist oder ein bisschen früher?
Das hängt davon ab. Also wenn es mehr und mehr unabhängig wird. Ich habe zum Beispiel ein Paar gehabt, da war das erst mit zwölf Jahren, weil das Kind einen längeren Krankheitsweg gehabt hat. Wenn die Mutter sagen kann: „Okay, das passt jetzt und funktioniert.“ Meistens ist es mit drei, vier oder fünf Jahren.
Hier in dem Podcast definieren wir ja die Lebensmitte – psychologisch gesehen – zwischen 40 und 60. Beim Mann kommt die Krise dann deutlich später. Meistens gibt es diesen klassischen Tiefpunkt, ich glaube, beim Mann im Alter von 47 Jahren. Das heißt, wir reden hier von einem Zeitunterschied zwischen Männern und Frauen von gut und gerne zehn Jahren.
Genau. Auch bei Frauen kann das natürlich später kommen, das ist nicht überall gleich. Die Midlife Crisis muss auch nicht immer eintreten. Aber es hängt halt bei Frauen auch mit dem zusammen, wie die biologische Entwicklung ist. Und auch die Beziehung wird dann in Frage gestellt.
Also die Paarbeziehung wird in Frage gestellt. Wieso? Ich würde vermuten, dass es den meisten Männern nicht so geht. Die haben vielleicht ein Problem damit, dass das Haar schütter wird, man nicht mehr so viel Kraft hat, nicht mehr so sportlich unterwegs ist wie vielleicht mit Anfang 30. Aber Frauen stellen die Paarbeziehung infrage?
Ja, mehr als Männer. Ich habe verschiedene Interviews geführt und da hat sich herausgestellt, dass die Männer eher die Leistungsfähigkeit in den Mittelpunkt stellen und Frauen hinterfragen oft die Beziehung. Also: Will ich so, wie ich jetzt lebe, die restliche Zeit weiterleben oder die nächsten Jahre, Jahrzehnte? Und die Beziehung wird dann auf den Prüfstand gestellt.
Du hast vorher die Biologie erwähnt. Spielt auch eine Rolle, dass das mediale Bild der idealen Frau immer noch relativ jung ist? Männern verzeiht man eher graue Haare und Fältchen. Ich leide schon auch darunter, wenn ich in den Spiegel schaue, aber ich glaube, es ist nicht ganz so schlimm. Ich verstehe nur nicht, wie es dazu kommt, dass die Paarbeziehung in Frage gestellt wird. Was stört denn die Frauen an der Paarbeziehung? Was sind da die Knackpunkte?
Einerseits ist es so, dass nach wie vor die hauptsächliche Care-Arbeit bei den Frauen liegt. Das wird eben hinterfragt. Und weil Du die Biologie angesprochen hast: Es geht natürlich auch darum, dass es schwieriger wird, noch einmal eine Familie zu gründen, weil die Frau, was Kinder bekommen betrifft, an die biologischen Grenzen stößt. Und dann ist es auch so, wie Du es gesagt hast, nämlich, dass das Bild der Frau in der Öffentlichkeit oder auf Werbeplakaten immer noch sehr jung ist. Und ja, das wird dann hinterfragt: Gehöre ich noch dazu?
Und gehört der Mann, der Partner, den ich an meiner Seite habe, auch noch dazu? Passt der noch in mein Bild, wie ich das Leben haben möchte?
Genau, bei beiden stellt sich die Frage: „Wie will ich den Rest meines Lebens verbringen.“ Es ist vielleicht mit 35 noch etwas früh, dass man sich diese Frage stellt, aber sie wird oft von Frauen in meinen Paarcoachings so gestellt. Und: „Wenn ich älter wäre, habe ich noch die Möglichkeit, eine Partnerschaft zu finden, wenn ich Kinder habe? Will das jeder Mann, mit dem ich vielleicht eine neue Beziehung eingehe?“ Das wird alles hinterfragt.
Du hast die wissenschaftliche Theorie über die Midlife Crisis recherchiert und im Rahmen Deiner Masterarbeit zehn Männer und Frauen aus Paaren einzeln interviewt und anhand der Befragung die Theorie überprüft. Was war Dir bei den Interviews wichtig?
Von der Midlife-Crisis gibt es ein klassisches Bild: Der Mann zwischen 45 und 50, der seine Sekretärin heiratet und sich einen Porsche oder ein Motorrad kauft. Mir war wichtig zu beleuchten, ob es da auch andere Bilder gibt und ob es in Paaren Krisen gibt, die von der Frau ausgehen und die auch eine Midlife Crisis sein könnten.
Da sind wir schon mitten in der Definition. Wie würdest Du nach Deinen Recherchen, nach Deiner Arbeit die Midlife Crisis definieren – im Gegensatz zu einer mehr oder weniger normalen Belastung in der Lebensmitte?
Es gibt diese U-Kurve der Zufriedenheit. Das wurde wissenschaftlich untersucht, da wurden ganz viele Menschen auf der Welt befragt und ganz offensichtlich gibt es eine Unzufriedenheit in der Lebensmitte. In der Midlife Crisis stellt man sich die Frage: „Wie stehe ich im Vergleich zu anderen Menschen in meinem Alter bezüglich Karriere da? Wie sieht es aus mit meiner körperlichen Verfassung? Bin ich fit?“ Normale Belastungen in der Mitte des Lebens können anstrengend sein, aber ich hinterfrage nicht den Sinn meines Lebens. Sondern ich habe vielleicht bestimmte Themen, die ich erledigen muss, aber ich stelle nicht diese großen Fragen: „Was mache ich da eigentlich? Und: „Will ich das weitermachen?“
Gibt es denn Zahlen oder zumindest belastbare Schätzungen zur Häufigkeit der Midlife Crisis? Die Lebensmitte wird auch gern als zweite Pubertät bezeichnet. Und Du kennst es ja vielleicht auch von Deinen Kindern. In der ersten Pubertät gibt es Kinder, die stärker pubertieren und bei anderen geht das scheinbar einfach so durch und ist kein Riesendrama. Das würde ich eher als normale Belastung bezeichnen. Andere pubertieren sehr stark, und manchmal wird das Lebensgefüge der Familie ganz schön erschüttert. Gibt es dazu Zahlen?
Das Problem mit den Zahlen hängt damit zusammen, wie oft der Begriff Midlife Crisis in wissenschaftlichen Arbeiten verwendet wird, nämlich sehr, sehr selten. Es wird zwar von Phasen in der Mitte des Lebens gesprochen, aber es ist kein wissenschaftlicher Terminus. Langzeitstudien haben ergeben, dass 10 bis 15 Prozent diese klassische Krise haben. Das ist ein relativ kleiner Prozentsatz, aber dieser ist halt der lauteste. Also der, der in den Medien am meisten verbreitet wird.
10 bis 15 Prozent der Männer oder Frauen? Oder ist das eine Mischrechnung? Würde mich interessieren, ob wir Männer häufiger davon betroffen sind.
Die Männer sind die, die am meisten in den Medien vertreten sind. Ich habe jetzt leider keine Zahlen dafür, wie viele Frauen betroffen sind, weil das wenig untersucht ist. Ich glaube aber, dass es da eine Dunkelziffer gibt.
Ja, wahrscheinlich. Also diese Zahlen, die Du gerade genannt hast, beziehen sich eher auf Männer oder auf beide Geschlechter?
Eher auf Männer.
Ein Schwerpunkt Deiner Untersuchungen war, wie sich die Midlife Crisis auf die Paarbeziehung auswirkt. Ich kann mir vorstellen, dass allein der zeitliche Versatz der Krise – bei Frauen taucht sie vielleicht 10 bis 12 Jahre früher auf – Konfliktpotenzial hat. Richtig?
Ja, das hat auf jeden Fall Konfliktpotenzial. Man muss auch unterscheiden: Nicht jede Unzufriedenheit mit der Paarbeziehung ist gleich eine Midlife Crisis. Aber gleichzeitig ist es so, dass, wenn das kleinste Kind aus dem Gröbsten heraus ist, ganz oft Frauen diejenigen sind, die dann in die Richtung gehen, dass sie etwas verändern wollen. Und bei Männern dauert das meistens viel, viel länger. Bei den Paaren, die ich gefragt habe, sind es hauptsächlich die Frauen gewesen, die Unzufriedenheit ausgedrückt haben und dann auch in die Veränderung gegangen sind. Wobei ich dazu sagen muss, dass bei 90 Prozent meiner Paarcoachings – ich frage das am Anfang immer ab – es so ist, dass die Frauen die Impulsgeberinnen für Veränderung sind. Ich nenne sie immer Impulsgeber für Veränderung, weil irgendwer diesen Impuls setzen muss, wenn die Beziehung sich weiterentwickeln will. Und es ist nicht immer ein Problem, das dahintersteckt, sondern es ist einfach ein Impuls.
Frauen sind eher die Impulsgeber für die Veränderung oder Weiterentwicklung der Beziehung und sie kommen auch schneller in die Krise der Lebensmitte. Wie stark beeinflusst die Midlife Crisis eines Partners den anderen? Kommt der andere dann auch schneller in die eigene Krise?
Ja, das ist auf jeden Fall so. Wenn die Beziehung hinterfragt wird, wird auch das Lebenskonzept mit hinterfragt. Also dieses Lebenskonzept Familie. Man geht eigentlich davon aus, dass man Familie lebt, dass die Kinder groß werden. Und dann wird einiges in Frage gestellt. Auch wie lebe ich das? Wo ist die Unzufriedenheit da? Was kann ich verändern? Und auch die große Frage: Was habe ich falsch gemacht?
Da sind wir bei dem Thema der traditionellen Rollenbilder: Der Vollzeit arbeitende Mann, die Teilzeit arbeitende Frau. Spielt das eine Rolle dabei, wie Frauen diese Krise erleben? Männer werden ja von Frauen mehr als selbstbestimmt wahrgenommen. Ob das nun stimmt, ist eine andere Frage. Der ein oder andere Mann würde sagen: Ich habe auch ein ziemliches Korsett. Ist die klassische Rollenverteilung noch ein großes Thema? Du hast vorher die Care-Arbeit angesprochen.
Das ist auf jeden Fall noch Thema. Die Frauen machen, wie gesagt, ganz viel Care-Arbeit. Es ist nicht so, dass die Männer keine machen, sondern viele Männer und Väter beteiligen sich an der Care-Arbeit. Es ist nur so, dass meistens die Männer 40 Stunden arbeiten oder mehr. Und die Frauen das, muss man ganz ehrlich sagen, zu Beginn natürlich freiwillig und gerne machen. Mutter sein und Mutter werden ist was Tolles und das leben viele Frauen auch gerne. Gleichzeitig ist es so, dass es wahnsinnig anstrengend ist, man wahnsinnig viel und weit vorausdenken muss und dass die gesamte Organisation meistens auch von den Frauen gemacht wird und dadurch entsteht dann irgendwann eine Unzufriedenheit. Und dadurch, dass die Frau ganz vieles übernimmt, ziehen sich manche Männer auch zurück oder denken sich „Das wird ja eh gemacht“.
Aber dieses klassische Bild, die Frau ist Hausfrau und macht alles und der Mann arbeitet und macht zu Hause nichts, das gibt es eher selten. Viele Männer erzählen auch, und die Frauen stimmen zu, dass sie zum Beispiel in einem bestimmten Ausmaß die Wäsche machen oder staubsaugen oder Ähnliches. Also Hausarbeit ist nicht ausgeschlossen.
(lacht) Das ist schön ausgedrückt. Ich stelle mir das so vor, dass Frauen ihre Männer quasi mitzerren oder mehr oder weniger überzeugen, zu Dir zu gehen. Was sind typische Fragestellungen, wo die Frau sagt „Da müssen wir jetzt draufschauen. So wie das jetzt läuft, ist es für mich kein Modell für die nächsten Jahre“?
Das Hauptsächliche ist das Gefühl, alles organisieren zu müssen, ohne dass sich der Mann an dieser Organisation beteiligt. Was natürlich bedeutet, dass ich diesen sogenannten Mental Overload habe und dann die Anstrengung einfach wahnsinnig groß ist. Frauen wünschen sich in diesen Phasen, dass sich Männer auch an der Organisation beteiligen und auch mit dabei sind und sich nicht mehr bedienen lassen, wenn es zum Beispiel um soziale Kontakte geht.
Okay, verstehe. Das heißt, Frauen kümmern sich um die Geburtstage, dass da geschrieben wird, dass Geschenke gekauft werden, organisieren fürs Wochenende Einladungen von Freunden, die Kinder wollen zu Sportveranstaltungen gefahren werden. Da muss dann vielleicht noch ein Kuchen gebacken werden. Das ist das, was mit der organisatorischen Mental Load gemeint ist, oder?
Genau, das ist es. Und eben auch alle organisatorischen Dinge, die für die Kinder zu tun sind.
Du schlägst ja vor, die Midlife Crisis umzubenennen. Welcher Name trifft diese Phase für Dich besser?
Ganz viele Menschen, die Bücher darüber schreiben, sprechen von Midlife Change. Das finde ich einen sehr guten Ausdruck. Ich sage zwar immer: Man braucht eine Krise für Veränderung. Das ist das, mit dem ich immer einsteige, um einmal alle ein bisschen zu beruhigen. Klar braucht man eine Krise, sonst verändert man ja nichts. Wozu auch? Aber Midlife Change ist mehr eine Veränderung der Beziehung, eine Veränderung der eigenen Haltungen, der Einstellungen oder vielleicht auch mehr Bewusstsein. C.G. Jung hat mal gesagt: Vor der Mitte des Lebens richtet man das Leben äußerlich ein und nach der Mitte des Lebens kümmert man sich um sein Innenleben.
Ja, das trifft es, denke ich, ganz gut. Jetzt schauen wir nochmal auf die Paarbeziehungen. Paare kommen dann zu Dir, wenn die Partnerin schon gesagt hat: „So geht es nicht mehr weiter. Ich will hier eine Veränderung.“ Woran kann ein Mann frühzeitig erkennen, dass seine Partnerin sich in einer Krise der Lebensmitte befindet, weit bevor sie den eigenen Mann zu Dir schleppt?
Da muss ich ein bisschen ausholen. Die Schwierigkeit besteht in der Kommunikation zwischen Mann und Frau. Männer tendieren dazu, nichts zwischen den Zeilen zu hören. Also einem Mann muss man direkt vor den Latz knallen, was man will. Und dann ist es ganz klar: „Okay, jetzt habe ich verstanden, jetzt kann ich was verändern.“ Bei Frauen ist es so, dass sie ganz oft, auch um die andere Person nicht zu verletzen, ein bisschen zwischen den Zeilen kommunizieren. Sie sagen Dinge vorsichtiger und das verstehen Männer ganz oft nicht.
(lacht). Ich verstehe das vollkommen. Ich habe es auch gern direkt.
Wollte gerade sagen: Fühlst Du Dich ertappt?
Ja, ein bisschen schon. Frauen senden Signale, die wir oft übersehen. Das kann ich absolut nachvollziehen. Und gleichzeitig sage ich: Direkt ist einfach besser. Also diese Erwartungshaltung, wenn ich sanfte Signale sende, sollte das der Mann schon verstehen. Ich glaube, das funktioniert zu 80, 90 Prozent nicht.
Ja, nur gibt es eben wenig Bewusstsein dafür, weil jeder natürlich auf seine oder ihre Art kommuniziert. Das heißt, der Mann sagt: „Warum hast Du noch nie was gesagt?“ Und die Frau sagt: „Ich rede seit Jahren darüber.“ Und das ist der Grund, warum dann Paare zu mir kommen.
Wie gehst Du dann vor? Was ist da der Schlüssel? Wie kannst Du den Paaren dazu verhelfen, das Thema zu lösen?
Im Endeffekt geht es um Kommunikationsübungen, die ich vorführe und dann mit dem Paar mache. Das wird wiederholt und nennt sich dann duplizieren. Was hat die andere Person gesagt? Da gibt es auch immer wieder Überraschungen, weil manchmal was ganz Anderes herauskommt oder Interpretationen mit reinkommen.
Das erklärt jetzt noch nicht Deine ursprüngliche Frage, nämlich: Kann man schon früher draufkommen, ob eine Midlife Crisis vorherrscht? Eigentlich wenig. Die Midlife Crisis ist so ein Ding, das Verwirrung bei der Person, die sie hat, schon mal als Grundthema hat. Man weiß selber gerade nicht, was los ist. Man merkt, dass gerade eine Veränderung ansteht, aber man kann sie schwer definieren. Also man hat keine Richtung. Man sagt nicht: „Okay, das dürfte jetzt die Mitte des Lebens sein und ich habe jetzt eine Krise und ich entwickle mich jetzt weiter.“ Sondern ich weiß in dieser Phase nicht, wie es mir gerade geht. Ich merke nur, irgendwas ist komisch. Und ich weiß auch keine Richtung. Ich weiß nicht: Wie soll ich jetzt weiter tun. Deswegen gibt es ja auch so viele Bücher darüber, die beratend zur Seite stehen. Man kann viel darüber lesen oder zu einem Coach gehen. Im Grunde genommen ist die Aufgabenstellung zu reflektieren. Das, was man draußen sieht, was den Ruf der Midlife Crisis ausmacht, das ist nicht reflektieren, sondern kompensieren. Ich kompensiere mit irgendwelchen Dingen aus dem Außen, eben Porsche oder ähnlichen Luxusautos. Und eigentlich wäre jetzt der richtige Weg zu reflektieren, also die Innenschau wäre gut.
Das klingt für mich dann doch sehr parallel zur ersten Pubertät, weswegen mir der Begriff zweite Pubertät ganz gut gefällt. Denn die erste Pubertät passiert den jungen Menschen auch einfach. Die sagen jetzt ja auch nicht: „Mama, Papa, ich glaube, ich komme jetzt in die Loslösung und ich komme in die Pubertät. Lass uns darüber mal reden, wie ich das gestalten kann.“ Sondern das widerfährt denen einfach. Das, was Du gerade sagst, klingt auch danach, dass es den Menschen widerfährt. Und das heißt, Frühwarnzeichen, auch bei der Partnerin, sind schwierig zu erkennen. Für einen selber als Mann ist das dann genauso. Also auch ich als Mann kann jetzt nicht sagen: „Wenn das und das vor sich geht – hoppla, Vorsicht, Obacht: Da komme ich jetzt in die Midlife Crisis.“ Auch das ist dann letztlich nicht möglich, wenn ich Dich richtig verstehe.
Genau, das ist nicht möglich, auch dadurch, dass man die Midlife Crisis ja nicht will. Pubertät ist noch irgendwie vorgegeben. Das ist klar, dass man da reinkommt. Ich mag den Begriff übrigens auch, zweite Pubertät. Die Midlife Crisis, die will man nicht. Und deswegen kommt man auch gar nicht so schnell drauf, dass man jetzt eventuell in der Midlife Crisis ist. Es beginnt mit Unzufriedenheit und Fragen zum Leben. Und die große Frage, die dahintersteckt, ist: „Will ich den Rest meines Lebens so weiterleben?“
Jetzt skizzieren wir mal den Idealfall: Der Mann reflektiert sich und sagt: „Ich bin unzufrieden, ich weiß nicht genau, was das ist.“ Gibt es einen Rat von Dir, wie man durch so eine Phase durchkommen kann und zwar konstruktiv, möglichst ohne seine Partnerin oder die Familie zu verletzen und riesige Kollateralschäden zu verursachen?
Ich würde tatsächlich zuerst einmal zu jemandem gehen, mit dem ich mich austauschen kann, einer externen Person. Freunde sind meiner Meinung nach in jeder Form für solche Krisen nicht so geeignet, weil die einen natürlich unterstützen wollen. Die sagen dann manchmal: „Nein, mach Dir keine Sorgen.“ Ich würde zu jemandem gehen, der extern ist und mit der Person nichts zu tun hat. Also jemanden, der sich mit dem Thema beschäftigt und beim Reflektieren unterstützen kann.
Und spiegeln kann.
Genau, und spiegeln kann. Und auch Erfahrungen einbringen kann von anderen Männern, die schon in dieser Phase waren. Oder manchmal auch eigenen, wenn man selber schon in der Phase war.
Kann ja auch helfen. Da weiß man zumindest, was Sache ist.
Genau, aus erster Hand.
Du betreust ja viele Paare. Siehst Du eine Midlife Crisis, wenn sie bewusst durchlebt wird, auch als Chance für eine reifere, tiefere Partnerschaft?
Ja, auf jeden Fall. Ich sehe jede Krise, die Paare haben, als Chance. Es hängt zwar ein bisschen davon ab, in welcher Phase die Krise ist. Es gibt auch Paare, die zu mir kommen, um sich zu trennen, wo schon für eine Person ganz klar ist, die Trennung ist innerlich vollzogen. Und da kommen die Menschen auch nicht mehr zurück. Da sind schon ganz viele Schritte davor passiert, die zu dieser Entscheidung geführt haben. Aber ansonsten ist jede Krise eine Chance auf Verbesserung und Veränderung der Beziehung. Das Wichtigste ist eben dabei die Kommunikation. Die bleibt im Alltag meistens auf der Strecke. Also man redet zwar irgendwas, aber meistens…
… nicht wesentlich.
Nicht wesentliche Dinge, genau. Also nicht: Wie wollen wir unser Leben gestalten? Und dann wirken halt auch noch ganz viele Dinge, wie man lebt, aus der Herkunftsfamilie, aus der man selber gekommen ist, mit. Aber da gehen wir jetzt in eine andere Richtung.
Das ist ein anderes Thema, aber trotzdem sehr interessant. Man möchte ja meinen, dass, wenn man in der Lebensmitte ist und vielleicht auch schon 10, 20 Jahre mit jemandem zusammen ist, die Themen der Herkunftsfamilie doch mal gelöst sein müssten. Aber das ist nicht der Fall.
Nein, meistens nicht. Also wenn man nicht schon vorher irgendwelche Krisen hatte, wo man das gelöst hat, dann kommen diese Fragen in der Mitte des Lebens in Form der Midlife-Crisis. Ganz oft steht bei Frauen das Thema dahinter „Ich will nicht so leben wie meine Mutter.“ Das führt oft zu Krisen und kann auch zur Midlife-Crisis führen. Die letzten Mütter-Generationen haben noch mehr Care-Arbeit geleistet, und es bestand eine ganz klassische Rollenaufteilung. Und das haben viele Frauen auch gesehen und entschieden, das möchten sie in ihrem eigenen Leben so nicht leben.
Und was auch noch spannend ist, ist bei den Männern die Auseinandersetzung mit den Vätern. Das ist im Grunde genommen auch eine ähnliche Frage: „Will ich so sein wie mein Vater?“ Und was auch noch eine Rolle spielt ist, falls der Vater schon verstorben ist, in welchem Alter er verstorben ist. Das hat eine große Auswirkung darauf, wann die Midlife Crisis bei Männern einsetzen kann, falls sie einsetzt. Diese Zehnersprünge sind ja auch immer ganz relevant, komischerweise, als ob 51 oder 49 nicht ähnlich wäre, aber nein, es ist 50. Angenommen, ich bin 50 und mein Vater ist mit 65 gestorben, dann ist das natürlich viel näher, als wenn der Vater noch lebt oder wenn er mit 90 Jahren gestorben ist.
Absolut… Wenn Paare zu Dir kommen und noch nicht direkt einen Trennungswunsch haben: In wie viel Prozent der Fälle geht es nach dem Coaching neu geordnet besser mit mehr Lebens- und Paarqualität weiter?
Ich würde schon sagen bei circa 80 Prozent. Es gibt ein Gerücht, das besagt: Wenn man zur Paartherapie oder zum Paarcoaching geht, dann ist die Beziehung eigentlich schon vorbei. Das kann ich nicht bestätigen. Die Paare sind ganz oft in der Lage, Dinge weiterzuentwickeln. Und ganz oft führt eben die Kommunikation und das Reden in einem anderen Rahmen, also wenn eine dritte Person dabei ist, zu viel mehr Verbindung. Und das Problem ist ja oft, dass man im Alltag keine Zeit und keine Gelegenheit zum Reden hat. Man muss sich immer überwinden, dass man sowas anspricht.
Titelfoto von Mauro Lima auf Unsplash
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Peter Gigler im Netz: https://www.ganzwerden.at/
