Körperwahrnehmung für Männer: Wie Atmung hilft, Stress zu reduzieren und Gefühle besser wahrzunehmen

Ein Mann atmet kräftig ein.

Uns Männern wird nachgesagt, dass wir unseren Körper und auch unsere Gefühle wenig wahrnehmen. Spätestens in der Lebensmitte merken aber viele von uns: Der Körper und die Seele machen nicht mehr alles kommentarlos mit. Bei den einen steigt der Blutdruck dramatisch an, die anderen werden hartnäckige Rückenschmerzen nicht los und wieder andere landen stressbedingt in einem Burn-out. Da wäre es doch gut, wenn wir lernen könnten, in unseren Körper reinzuhören und auch unseren Gefühlen auf die Schliche zu kommen. Beide stehen in Wechselwirkung zueinander. Und eine Körperfunktion bietet einen besonderen Hebel, um Körper und Psyche zu regulieren: die Atmung. Rikor Ulrich Metzger hilft Menschen dabei, durch bewusstes Atmen mehr Ruhe, Klarheit und innere Kraft zu bekommen.

Rikor, Du warst lange Zeit Leistungssportler: Welche Sportart hast Du ausgeübt?

Ich war leidenschaftlicher Mittelstreckenläufer in der Leichtathletik. Ich habe schon mit zwölf Jahren angefangen zu laufen und bin in den Leistungssport, Hochleistungssport hineingewachsen, sodass ich mit 23, 24 Jahren in der nationalen Spitze angekommen bin und sehr, sehr intensiv trainiert habe. Ich habe mein ganzes Leben damals auf den Leistungssport und eine mögliche Olympiade ausgerichtet.

War damals Atemarbeit oder Atemtechnik auch schon Teil des Trainings- oder des Regenerationsprogramms?

Damals nicht wirklich bewusst. Wir haben natürlich durch das Ausdauertraining darauf geachtet und auch dafür gesorgt, dass wir ein möglichst großes Lungenvolumen bekommen. Bei mir bis zu dreieinhalb Liter in den medizinischen Tests. Aber der Einsatz von bewusster Atmung zur Regeneration oder Leistungssteigerung, das war bei uns, zumindest in Deutschland, damals noch nicht bekannt. Ich weiß es von anderen Ländern, anderen Athleten, aber damals haben wir das noch nicht gewusst.

3,3 Liter sagt mir jetzt nicht so viel. Aber das ist viel, oder? Was hat denn so ein Otto-Normal-Mensch?

Naja, eineinhalb bis zwei.

Ja okay, dann verstehe ich, dass da natürlich ein Fokus darauf lag. Viele Menschen würden ja vermuten, dass Leistungssportler ihren Körper besonders gut wahrnehmen. Würdest Du sagen, das traf damals auf Dich zu?

Ja, weil das glücklicherweise auch bei meinem Trainer ein wichtiger Punkt war, dass wir uns wirklich spüren und hineinspüren, was eigentlich bei uns passiert: Wie intensiv kann ich trainieren? Wann ist eine Pause notwendig?

Es ist tatsächlich so, dass man glaubt, dass viele Leistungssportler ihren Körper sehr gut kennen. Leider weiß ich aus meiner heutigen Arbeit, die auch mit Leistungssportlern zu tun hat, dass es nicht der Fall ist. Sie hören nicht auf Signale, sie reagieren zu spät auf Signale und schaffen es nicht, in sich hineinzufühlen und darauf zu achten, was ihr Körper ihnen jetzt sagen will.

Gab es irgendeinen Punkt in Deinem Leben, einen Wendepunkt oder eine Krise, in der Du gemerkt hast, die Atmung kann Dir helfen und zwar noch mehr als damals im Sport, viel mehr?

Ja, das war viele Jahre später. Ich war damals 19 Jahre aus dem Leistungssport draußen und habe mit knapp 42 Jahren wieder mit Laufen begonnen und bin da die Sache ganz anders angegangen. Ich wollte wieder leistungsmäßig trainieren, aber mit über 40 ist man ja nicht mehr ganz der Jüngste. Und dann habe ich gesucht, was es für Möglichkeiten gibt. Und da habe ich erfahren, dass damals zu meiner Leistungssportzeit Weltklasseathleten mit der Atmung gearbeitet haben. Paavo Nurmi, ein alter Finne, der mit Atemanhalten durch die Allee gelaufen ist. Er ist mit angehaltenem Atem von Baum zu Baum und jeden Tag einen Baum weiter gelaufen und hat dadurch einen unheimlichen Trainingseffekt erzielt. Und da habe ich mich erstmals mit der Atemtechnik im Training beschäftigt.

Ich bin dann sehr schnell auf das regenerative Atmen gekommen, das heißt: Wie atme ich nach einer harten Trainingseinheit? Wie kann ich mein System sehr schnell regulieren und dafür sorgen, dass es sich schnell wieder erholt. Das war mein erster Kontakt mit bewusstem Atmen im Leistungssport, rein auf physiologischer Ebene. Was bewirkt die entsprechende Atmung? Wie kann ich mich pushen? Wie kann ich meinen Stress reduzieren? Wie kann ich ihn ausgleichen? Und das hat vor ungefähr 14 Jahren angefangen.

Okay, da bist Du nochmal näher an die Atmung herangerückt und auch an Deine Körperwahrnehmung. Darauf möchte ich nochmal kurz zurückkommen: Es gibt Studien, die darauf hindeuten, dass Frauen körperliche Empfindungen häufiger wahrnehmen als Männer, und die Zusammenhänge zwischen körperlichen Empfindungen und emotionalen Zuständen besser verstehen. Du arbeitest heute als Breathwork-Coach mit Menschen an ihrer und mit ihrer Atmung. Beobachtest Du das auch in Deiner Arbeit, dass Frauen einen anderen körperlichen und emotionalen Zugang haben?

Frauen haben nach meiner Erfahrung sicherlich einen engeren und natürlicheren Zugang zu ihrem Körper in Verbindung mit ihren Emotionen, sie zu spüren und damit umzugehen. Aber sie haben gleich wie Männer oftmals nicht das Wissen, wie sie das handhaben können, welches Tool sie verwenden können, um mit diesen Emotionen im Körper umzugehen. Sie spüren sie, sie wissen, dass Körper und Geist, Körper und Emotionen, die Psyche zusammengehören. Aber die Lösungen, wenn sie in Schwierigkeiten sind, wissen sie oftmals genauso wenig wie die Männer.

Ja, und dabei ist die Atmung eine tolle Körperfunktion, ein tolles System. Sie ist etwas Besonderes, weil sie auf der einen Seite komplett automatisch abläuft, ähnlich wie der Herzschlag. Aber man kann sie auch als Technik oder Werkzeug benutzen. Das kann ich ja mit dem Herzen nicht machen. Ich kann meinem Herz nicht sagen: Du, jetzt chill mal runter auf 50 Schläge pro Minute, damit ich wieder ruhiger werde. Da ist die Atmung anders. Wenn Du einem Skeptiker in zwei Minuten erklären müsstest, warum ausgerechnet die Atmung so ein mächtiger Hebel ist für Körper, Geist und Seele, was würdest Du sagen?

Das ist eine ganz einfache physiologische Geschichte unseres autonomen Nervensystems. Zum autonomen Nervensystem gehört die Atmung, der Herzschlag, die Hormonbildung, der Sexualtrieb, der Hunger und all diese Dinge. Der Atem ist das einzige Element, das ich bewusst steuern kann. Du kannst bewusst den Atem anhalten, Du kannst bewusst schneller atmen, Du kannst Dich entscheiden, durch die Nase zu atmen oder durch den offenen Mund. Und bestimmte Atemweisen sind ein Ausdruck Deines Zustandes, Deines vegetativen Nervensystems. Bist Du im Stress, atmest Du mit offenem Mund und schnell und kurz. Bist Du in der Ruhe, atmest Du langsam, durch die Nase und tief in den Bauch. Das heißt, Du kommst in eine Stresssituation und möchtest diese reduzieren, dann musst Du nur Deine Atmung ändern, um in den Parasympathikus, also in den entspannten Bereich zu kommen. Denn der Körper weiß: „Ah, der Junge, der atmet ganz ruhig und gelassen, also ist die Gefahr vorbei.“

Das gibt es auch das wunderschöne Beispiel von Vera Birkenbihl mit dem Grinsen: Wenn Du ganz sauer drauf bist, musst Du einfach nur Deinen Mundwinkel eine Minute nach oben ziehen. Das ist ein physiologisches Signal durch die Muskulatur in den Backen: „Es ist alles in Ordnung“. Und Deine Stimmung hebt sich. Und so geht es mit dem Atmen auch.

Atemlehrer Rikor Ulrich Metzger
Atemlehrer Rikor Ulrich Metzger (Foto: Anett Conrad)
Das wäre auch meine nächste Frage. Stresszustände kennt ja jeder von uns. Ob Mann, ob Frau, auch in jeder Lebensphase. Wir wissen auch, dass Männer in der Lebensmitte wirklich im Saft stehen: Viele haben Teenager-Kinder, sind beruflich auf dem Plateau, und dann klopfen vielleicht noch die Eltern an, die gepflegt und versorgt werden wollen. Da gibt es Zustände, wo man vor lauter Arbeit und scheinbar gleichwertiger Priorität nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht. Kannst Du uns eine Atemtechnik erklären, die ein Leser noch heute ausprobieren kann, wenn er merkt, dass sein Stresspegel durch die Decke geht?

Weißt Du, das ist ja das Spannende, Joachim, dass das Alltagsweisheiten sind: Atme einfach einmal tief ein und lass einen richtig tiefen Seufzer gehen. Wenn Du einatmest und länger ausatmest, als Du einatmest und dabei vielleicht noch ein Geräusch von Dir gibst, dann ist das sofort ein Signal an den Parasympathikus, ruhiger zu werden. Einfach einmal tief durchatmen. Auf Schwäbisch sagen wir „Durchschnaufa“.

Das ist wirklich eine Alltagsweisheit, die uns schon Oma und Opa gesagt haben. Wirkt das schon bei einem Mal oder brauche ich ein paar Minuten, je nachdem wie der Stresspegel ist?

Wenn Du Dich einfach für 30, 40 Sekunden nur mal auf die Atmung konzentrierst und sagst „So, ich atme jetzt tief ein, halte kurz den Atem an und dann atme ich ganz lange aus, lasse den Atem einfach ausfließen“, dann lenkst Du Dich allein durch die Konzentration auf diese paar Sekunden bewusstes Atmen von Deinem Problem ab und signalisierst Deinem Nervensystem biochemisch: „Ich kann runterkommen.“ Und dann kriegst Du einen klareren Blick auf die Situation, kannst ein bisschen davon zurücktreten, es anschauen und sagen: „Es gibt doch eine ganz andere Lösung als unter diesem hektischen Hechelatmen.“

Wahrscheinlich kriegt man das selber gar nicht mit. Das ist ja gerade das Problem. Ich bin im Stress. Ich merke gar nicht, dass ich flach atme. Da muss ich ja erst mal meinen Fokus auf meinen Körper lenken und mich fragen: „Was geht denn da gerade ab?“

Genau, das ist das Spannende, was ich auch in einem Kurs erkläre, dass wir bewusst atmen sollen. Denn bewusstes Atmen erweitert mein Bewusstsein. Da kommen wir auf diese psychische Ebene, zu sagen: „Ich bin mir mehr bewusst, wenn ich bewusst atme.“ Und man kann dieses natürliche und gesunde Atmen durch die Nase trainieren. Die Nase ist zum Atmen da, der Mund zum Essen oder Sprechen.

Oder zum Ausatmen.

Oder zum Ausatmen. Ja, wir können das trainieren und zwar mit ganz kurzen Trainingseinheiten pro Tag. Das sind fünf bis zehn Minuten, wo ich zweimal am Tag bewusst atme. Und der Körper gewöhnt sich innerhalb ganz kurzer Zeit – in ein bis drei Wochen – diese neue und gesunde Atemtechnik an, und dann bist Du schon in einem anderen Dauerzustand. Und dann wird Dir auch bewusst, wenn Du mal wieder in einer Stresssituation oder in einer ausgelaugten Situation bist.

Manchmal will ich mich vielleicht nach oben bringen, weil ich mehr Energie brauche und nachmittags um 15 Uhr kaputt vor meinem Rechner sitze und nicht mehr kann. Und auch da gibt es Atemtechniken, die besser sind als jeder Espresso, als jeder Cappuccino, als jeder Kaffee, wie ich mit einer einminütigen Atemübung meinen Sympathikus so aktiviere, mich wieder so mit Dopaminen und natürlichen Botenstoffen versorgen kann, dass ich wieder in Form bin und weiterarbeiten kann.

Mit Atemtechnik assoziiere ich solche schnellen Übungen, um ein kurzfristiges Ziel zu erreichen, wie Stress zu reduzieren. Aber Atmung kann mir auch zu mehr Klarheit und innerer Kraft verhelfen. Da braucht es doch mehr als diese kurzen Techniken? Wie sieht hier die Atemarbeit aus?

Ja, die kurzen Atemübungen sind für die Situation: Im Moment brauche ich einfach eine schnelle Lösung. Wenn ich aber in tiefere Themen gehen möchte, weil mich in meinem Alltag etwas triggert, etwas stört, wenn ich bestimmte Verhaltensweisen habe, die ich eigentlich gar nicht haben möchte, die ja eine Ursache haben müssen, dann geht es darum zu schauen, wie komme ich in diese Programmierung hinein, also ins Unterbewusste.

So viel wird aus unserem Unterbewusstsein gesteuert, wir wissen das. 80 bis 90 Prozent aller unserer Handlungen kommen aus Programmierung, aus der Kindheit, aus der Prägung, aus der Erziehung, aus allen möglichen Dingen. Und da sind auch viele Dinge dabei, die etwas mit meinen Emotionen zu tun haben. „Ich werde nur geliebt, wenn ich Leistung bringe.“ Ein großes Thema für Männer. Die haben das als Jungs erlebt. Wenn ich super bin, wenn mein Papa stolz ist, dann lobt er mich, dann nimmt er mich in den Arm. Dann das Thema Kontrolle. „Ich muss Dinge im Griff haben. Ich muss alles kontrollieren.“

Das kenne ich.

Das macht mich vollkommen krank. Gerade wenn die Technik nicht funktioniert. Und dann wird man nervös. Dann gibt es solche Dinge wie Panikattacken. Menschen, die in den Aufzug gehen und einfach nicht rein können. Sie wissen nicht warum. Und das sind tiefliegende Programmierungen in unserem Unterbewusstsein, die dahinterstecken. Und da kann man tatsächlich über bewusstes Atmen, über besondere Atemtechniken, die über längere Zeit gehen, unseren Alltagsverstand, unseren präfrontalen Kortex zur Ruhe bringen. Wir bringen unser Gehirn über die Atmung aus dem Beta-Wellenbereich, wo es im Stress so schnell flattert, in den Theta-Wellen-Bereich. Das ist der Bereich des Übergangs zwischen Schlafen und Wachen, also kurz vor dem Einschlafen, wo wir auch noch wachträumen.

Und dort haben wir Zugang zum Unterbewusstsein. Dann hört unser Alltagsverstand mal auf mit Plappern, und wir kommen dorthin und können Fragen stellen. Die Hypnose-Therapie macht sowas, in Gesprächstherapien ist es relativ schwierig, weil man da oft noch viel im Verstand drin ist. Aber über den Atem schaffe ich es, in einen Zustand zu kommen, wo wir Dinge in unserem Unterbewusstsein anschauen können, die Energie in Bewegung bringen können und damit auflösen können. Wir können Kindheitstraumata oder andere schreckliche Erfahrungen nicht ungeschehen machen, aber wir können ihre Wirkung reduzieren und ungeschehen machen, indem wir diese Energieblockade auflösen und die Energie in unserem Körper in Fluss bringen, fließen lassen und dann nutzen, um sie in eine positive Richtung zu lenken. Und das können wir mit bewusstem, holotropen, intensiven Atem bewirken.

Bevor wir in diese starke Atemarbeit reingehen, würde es mich interessieren, mit welchen körperlichen und seelischen Themen Männer in der Lebensmitte, also zwischen 40 und 60, zu Dir kommen, wo Du sagst: „Ja, Atemtechnik oder Atemarbeit kann Dir helfen.“

Es sind vor allem erstmal die körperlichen Symptome: Chronische Verspannungen, Zähneknirschen, Schlafprobleme, Panikattacken, Angstzustände. Und im Verhalten: Alkohol, Zucker als Emotionsventil, oftmals eine innere Unruhe, Entscheidungslähmungen. Ich kann mich nicht mehr entscheiden. Ich weiß nicht mehr, soll ich die Richtung oder jene Richtung gehen. Oftmals findet ein Rückzug aus Beziehungen statt. Und eine Reizbarkeit ohne erkennbaren Anlass. Und das sind für mich erste wichtige Zeichen. Der Körper lügt nicht. Er sagt uns oft seit Jahren, was der Kopf nicht hören will. Und Atemarbeit ist einer der direktesten Zugänge, dem Körper endlich zuzuhören.

Atemwolke in der Kälte
Atemarbeit bietet einen direkten Zugang zur Körperwahrnehmung (Foto von Pavel Lozovikov auf Unsplash )
Jetzt kann ich natürlich frech sein und sagen: Ja, das glaube ich. Auf der anderen Seite gibt es für schwerwiegende Themen wie Kindheitstraumata Psychologen und Psychotherapeuten. Wo ist der Unterschied zwischen Atemarbeit und anderen Therapieformen? Oder wie entscheidest Du, wo Du helfen kannst oder wo Du mit Atemarbeit an Grenzen kommst und ein Psychologe oder Psychotherapeut nochmal draufschauen sollte.

Ich halte die Arbeit von Psychologen und Psychotherapeuten für sehr wertvoll, weil sie auf unserer bewussten Ebene, also auf Verstandesebene, ungeheuer viel klären können und viel Klarheit schaffen. Die Erfahrung zeigt aber, dass das nicht ausreicht, und das Problem im Unterbewusstsein noch lange nicht gelöst ist, auch wenn mein Verstand es begriffen hat. Und wie komme ich dorthin? Da gibt es eben verschiedene Wege. Hypnotherapeuten finden den Weg dorthin. Und Atemtherapeuten ebenso. Wobei ich kein Therapeut bin. Ich bin ein Atemlehrer. Das ist ganz wichtig. Ich arbeite auch nicht therapeutisch. Ich kann und darf auch gar kein Heilversprechen machen, denn jeder Körper und jeder Mensch heilt sich selbst. Ich kann nur die Türen dafür öffnen. Und das Spannende ist: Die Atemarbeit, die ich mache, wird heute sogar in Psychiatrien angewendet.

Das holotrope Atmen nach Stanislav Grof, der das schon in den 70er Jahren entwickelt hat, wird heute in Psychiatrien bei psychiatrisch sehr kranken Menschen angewendet, weil es nachweislich Linderung verschafft, innere Spannungen und Traumata auflösen kann, und den Menschen somit geholfen wird. Und im Grunde genommen ist das, was ich tue, das, was der Psychotherapeut macht. Ich frage ab, ich tauche erstmal auf Verstandesebene hinein in das, was den Menschen beschäftigt, und gehe dann über eine individuelle Atemarbeit an diese Themen ran. Und das ist der Unterschied. Es geht hier rein ums Nervensystem, um den Vagusnerv, um die Polyvagal-Theorie, um das Thema Kampf, Flucht, Starre.

Wenn jemand durch ein Trauma in einer Starre im dorsalen Nervensystem gelandet ist, kommt er dort alleine nicht mehr raus wie die Tiere. Die haben das gelernt. Die können sich schütteln und die Botenstoffe sind wieder raus, aber wir Menschen haben das verlernt. Und da können wir über intensive Atemarbeit hinkommen, diese Energien lösen und den Menschen wirklich helfen, wieder ganz in Sicherheit zu kommen. Das ist unser größtes Bedürfnis: Sicherheit.

Absolut! Kommen wir nochmal zurück zu den Männern, die zu Dir kommen: Gibt es Warnsignale des Körpers, die ein Mann besonders häufig ignoriert? Wo dann in Deiner Arbeit mit ihm klar wird, das hat er gar nicht auf dem Schirm gehabt?

Das kann ich über die Männer, die zu mir kommen, nicht sagen. Die haben einen Prozess hinter sich und sagen: „Ich brauche jetzt Hilfe. Ich möchte jetzt an den Kern der Sache gehen.“ Also da ist schon eine Erkenntnis da. Da ist eine Not da. Da ist eine körperliche Not da. Und sie wissen, sie müssen reagieren. Der nächste Schritt ist dann, zu fragen: „Welchen Weg schlage ich ein?“

Jetzt kommen wir zurück zu dem, was Du schon angefangen hast zu beschreiben: Eine Atemarbeit, die längerfristig ist, die tiefer geht. Du hast Wachträume beschrieben, die ja auch luzides Träumen genannt werden, was man kennt, wenn man kurz vorm Einschlafen ist. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie man diesen Zustand durch Atmung erreicht. Nicht einschlafen, aber kurz davor und das möglichst für längere Zeit. Meistens ist dieser Zustand vor dem Einschlafen kurz.

Da hast Du mich ein bisschen falsch verstanden. Es ging um den Theta-Wellenzustand unserer Gehirnströme. Also, dass die Gehirnströme in der Thetawellenschwingung schwingen. Und das tun sie zum Beispiel in dem Zustand kurz vor dem Einschlafen.

Verstanden.

Wir können auch in den Deltawellenzustand unseres Gehirns kommen. Der ist noch tiefer, noch langsamer. Das wäre normalerweise der absolute Tiefschlaf, und dennoch bewusst sein, dennoch voll da sein, alles komplett mitbekommen. Es geht mir einfach um die Frequenz unserer Gehirnströme.

Wenn Du intensiv atmest, richtig superventilierst, also ganz intensiv ein- und ausatmest, am Stück, ohne Ende, schläfst Du nicht dabei ein. Aber Du schaltest Dein Gehirn aus. Du überflutest Dein Gehirn mit Botenstoffen, mit Sauerstoff und mit Endorphinen, dass das Bewusstsein im Beta- und Alpha-Wellenzustand einfach ausgeschaltet wird und das Gehirn runterfährt. Und dann bin ich in dem Zustand, in dem ich mit vollkommener Klarheit mit meinem Unterbewusstsein „sprechen“ kann, kommunizieren kann, Fragen stellen kann und Antworten bekomme, die mich oftmals völlig überraschen. Und die oftmals an den Kern der Ursache führen. Und das ist das Spannende. Ich bin voll da. Ich kann auch jederzeit sagen: „Ich höre auf mit Atmen.“ Ich kann jederzeit sagen: „Es ist zu viel. Ich mache Schluss.“ Du bist nicht irgendeiner Macht ausgeliefert, die Du nicht kontrollieren kannst, sondern Du begibst Dich durch intensive Atmung in diesen Zustand hinein und gehst dort durch Deine Themen durch.

Im Einzelsetting kann ich mir das gut vorstellen. Da ist man mit Dir in einem Raum zusammen, und Du machst eine Anleitung. Funktioniert sowas auch im Gruppensetting?

Tatsächlich funktioniert das auch. Und das ist, wenn Du mich jetzt so konkret ansprichst, tatsächlich eines meiner Lieblingsdinge, die ich tue: Ich schreibe Atemreisen. Die gehen ungefähr 80 bis 90 Minuten und sind mit Musik hinterlegt. Da geht es jeweils um ein Thema, zum Beispiel „Im Fluss des Lebens“. Da bekommen die Menschen einen Kopfhörer auf und eine Augenbinde, liegen zu acht, zehnt, zwölft im Yoga-Studio und fangen an, die Atemreise zu hören. Die Musik ist genau dafür produziert, damit sie auch beide Gehirnhälften anspricht.

Und dann fangen die Menschen ganz langsam an zu atmen, wie in der Meditation. Sie kommen bei sich selber an, sie finden sich, sie gründen sich. Und dann fängt es langsam an mit diesem intensiven Atmen. Und da führe ich durch das Thema „Im Fluss des Lebens“ durch. Wir gehen mal zur Quelle zurück. Was ist denn in meinem Leben passiert? Welche Einflüsse sind reingekommen? Wo war Schmutzwasser? Wo waren schöne Erlebnisse? Und wir atmen dahin durch bis zu den Punkten, wo Widerstände in meinem Leben kommen. Wo ich Stress habe, wo ich Angst habe. Ich kann sie mir in diesem Zustand anschauen, kann die Energie mitnehmen und sie umwandeln. Ich fließe im Fluss des Lebens weiter. Und das können wir mit Atmen machen.

Und in der Gruppe ist es noch spannender, weil sich die Energie verstärkt. Natürlich liegt jeder für sich alleine unterm Kopfhörer auf der Matte, aber im Raum ist eine Energie. Die Leute atmen miteinander. Es fließt miteinander. Sie wollen alle durch diesen Fluss des Lebens schwimmen. Und das fasziniert mich am meisten. Ich kann dabei auch noch einzelne Menschen betreuen. Wenn ich merke, einem fehlt der Grund unter den Füßen, der verliert sich, halte ich ihm die Füße fest. Wenn ich merke, jemand hört auf zu atmen, kann ich die Hand auf die Brust legen und helfen: „Komm wieder mit rein.“

Da weinen Menschen oft, dann gehe ich hin und halte nur die Hand oder den Kopf. Das heißt, sie sind in einem geschützten Raum. Sie sind sicher dort, wo sie sind. Und am Ende der Atemreise, die letzten 20 Minuten, geht es wieder ganz in die Ruhe. Da fließt der Strom nur noch dahin. Wir sind mit uns selbst verbunden. Wir fangen an, uns selbst zu lieben, anzunehmen und zu sagen: „Wow, es ist doch alles gut, wie es ist in diesem Leben.“ Und das ist für mich die größte Freude, in Gruppen zu arbeiten. Auch da funktioniert es, weil meine Art, Atemreisen zu schreiben einzigartig ist. Die Leute sind in dem Thema, sie fallen nicht links oder rechts raus. Sie sind sicher geführt und haben ein Erlebnis nicht nur an diesem Abend, sondern mit einer Integration, die ich immer mitliefere, die die nächsten Tage und Wochen anhält.

Ich bin der typische Mann, der alles unter Kontrolle haben will. Ich weiß natürlich, dass das nicht geht. Aber da hätte ich wahrscheinlich Bedenken nach dem Motto: „Oh Gott, ich bin da unter dem Kopfhörer. Vielleicht entgleitet mir irgendwas und ich sehe was, fühle was, was mich übermannt. Oder ich entblöße mich vor der Gruppe.“ Kennst Du solche Ängste oder würdest Du sagen „Das ist typisch Mann“?

Nein, nicht mal. Ich hatte in meiner letzten Yoga-Session fünf Männer und drei Frauen. Und die Männer – zwei waren zum ersten Mal dabei – die liegen da und geben Vollgas. Für die ist es erstmal Wettkampf, Wettbewerb. Da sage ich: Das muss überhaupt nicht sein, lass das. Es geht eben nicht darum, der Beste zu sein, sondern zu Dir selbst zu finden. Und für jeden, der mit dabei ist, gilt: Höre auf Deinen Körper. Ich hatte schon Leute, die einfach aufstehen und rausgehen. Die sagen: „Es ist mir jetzt zu viel. Ich brauche es nicht.“ Das ist erlaubt. Es sind Leute dabei, die setzen sich während der Atmung einfach hin, weil sie besser atmen können. Manche stehen auf. Das ist genau das Thema. Ich betone immer: „Höre auf Deinen Körper, höre auf dich selbst. Lerne, wenn Dein Körper sagt: „Es ist genug.“ Dann ist es genug. Dann muss Dein Dickschädel nicht sagen: „Ich ziehe das jetzt hier durch.“ Und Angst ist sowieso fehl am Platz. Das konnte ich bisher wirklich immer bei jedem ausräumen. Und die Menschen und vor allem Männer sind anschließend sehr, sehr dankbar und sagen: „Hey, danke, dass Du dabei warst und mir hier durchgeholfen hast.“

Der eine oder andere Mann wird jetzt sagen: „Das ist interessant. Das könnte ich mir vorstellen.“ Wenn er morgen früh aufwacht und nur eine einzige Sache tun könnte, um wieder mehr Kontakt zu seinem Körper und seinen Gefühlen zu bekommen – was wäre das?

Dieser erste Schritt wäre: „Mach mal einfach einen bewussten ersten Atemzug.“ Und dann gibt es eine klitzekleine Übung, die heißt die Navy-Seals-Übung, also was für uns Männer. Im Allgemeinen heißt sie Boxatmung. Das ist eine wunderbare Übung. Die Navy Seals wenden die an, um sich energetisch zu verbinden und um genau die Homöostase, also den Ausgleich zwischen Anspannung und Entspannung zu haben. Das heißt, sie sind so on fire, dass sie agieren können, aber auch so ruhig, dass sie nicht in Panik geraten. Es ist eine ganz einfache Atmung, in der ich vier Sekunden lang einatme, vier Sekunden den Atem halte, vier Sekunden ausatme, vier Sekunden den Atem halte. Und wenn ich das am Morgen für zwei Minuten ganz bewusst mache, dann steige ich mit einer Klarheit in den Tag und ich lasse das komische Scrollteil die nächste halbe Stunde auf alle Fälle noch beiseite liegen.

Titelfoto von Angelina Sarycheva auf Unsplash

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