Mein Kind weiß nicht, was es will – wie Eltern Orientierung geben können

Erschöpfter Jugendlicher

In der Folge 43* haben wir uns damit beschäftigt, wie wir mit dem täglichen Stress umgehen können. Und dazu gehört natürlich auch der Stress von uns Eltern, unsere Kinder so zu erziehen, dass sie eigenverantwortlich ihr Leben meistern können. Und das gelingt nicht immer, wie wir in diesem Beitrag sehen werden. Denn wir sprechen diesmal über orientierungslose Jugendliche. Mir stehen zwei Experten Rede und Antwort. Einmal Prof. Dr. Dr. Andreas Hillert. Er ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und psychosomatische Medizin und Chefarzt an der Schön-Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee. Und zum anderen Dr. Carolin Göhre. Sie ist Fachärztin für psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Chefärztin an der Klinik Chiemseewinkel in Seebruck.

Herr Professor Hillert, ich kann mich erinnern, dass ich direkt nach der Schule auch keine Ahnung hatte, was ich studieren sollte – und habe dann auch glatt erstmal den falschen Studiengang gewählt. Also: orientierungslose Jugendliche gab es schon immer. Was ist heute anders?

Ja, orientierungslose Jugendliche gab es natürlich fast schon immer, aber die Rahmenbedingungen waren in der Vergangenheit auch anders. Ich bin aus der Baby-Boomer-Generation und ich glaube, wenn ich nichts gemacht hätte und nicht gewusst hätte, was ich machen soll, hätte mir mein Vater schon gewisse Hinweise gegeben. Und das hätte dann gepasst oder nicht. Also ich hatte zumindest immer rechts und links eine Bande, die gezeigt hat, wo es langgeht. Ich hatte auch gar nicht die Erwartung, dass man mir ein Jahr Auszeit bezahlt und ich mich ein Jahr erholen muss und ich mal schauen kann. Das war in Ihrer und in meiner Generation sicher deutlich anders.

Heute ist die Grundeinstellung von Eltern: „Mach Deinen Kindern keinen Druck, dann werden sie glücklich. Jeder Mensch muss selber wissen, was für ihn gut ist und wenn er das noch nicht weiß, dann muss man halt nochmal abwarten.“ Und das ist eben das Fehlen einer Bande. Und insofern haben wir heute eine ganze Reihe junger Menschen, orientierungslose Jugendliche, so zwischen 14 und 42, die dann auch im weiteren Leben diese Orientierung nicht finden, weil man ständig auf der Suche nach irgendwas Optimalem ist: Der Job, der mir immer Spaß macht, wo ich kreativ sein und mich frei entfalten kann, wo ich…

…trotzdem eine Menge Geld verdiene,…

…trotzdem eine Menge Geld verdienen kann, wenig Stress habe. Das gibt es in der Form nicht. Und wenn dann die äußere Kanalisation fehlt, dann rutschen junge Menschen oft in einen orientierungslosen Zustand, der dann auch mit psychischen Belastungen, Depressionen, sozialen Ängsten, was auch immer. hergeht.

Das wollte ich gerade fragen: Was ist daran denn so kritisch? Entwickeln die aufgrund der Orientierungslosigkeit dann eine Depression oder soziale Ängste oder verhält sich das Henne-Ei-Prinzip andersrum?

Das gibt es von beiden Seiten, dass man, weil man depressiv ist, keine Orientierung findet. Aber wenn man keine Orientierung findet und man dann sieht, dass die Jahrgangsgenossen sozialisiert sind, berufliche Ziele haben, eine Partnerschaft haben und einem das alles fehlt, dann wird das zur tragfähigen Ursache dafür, selber depressiv zu werden.

Ich stelle mal die These auf, dass heutige junge Menschen es deutlich schwerer haben als unsere beiden Generationen X oder Babyboomer. Sie lächeln schon…

Ja, das ist eine lange Diskussion, die wir auch in der Gruppe mit Jugendlichen exerzieren. Haben es Jugendliche früher leichter gehabt, haben es Jugendliche heute schwerer? Es sind halt unterschiedliche Rahmenbedingungen. Wenn wir früher gesagt hätten „Papa, ich will jetzt eine Auszeit, ich mache nichts“, hätten wir es extrem schwer gehabt. Dafür hatten wir eine Stütze. Wenn ein heutiger Jugendlicher sagt „Papa, ich möchte mal schauen“, dann sagt der Papa „Natürlich, ich zahle Dir alles, lieber Junge oder liebes Mädchen. Hauptsache, Du wirst glücklich“, aber dann fehlt mir die Stütze. Also man hat heute viel mehr Freiheit, aber dafür auch viel mehr Selbstverantwortung. Und wenn man nicht gelernt hat, mit dieser Selbstverantwortung adäquat umzugehen, dann hat man es irgendwann längerfristig schwerer. Früher hatten wir weniger Freiheit, dafür konnten wir damit rechnen, von außen ein Stück weit gestützt zu werden.

Ja, und wir hatten auch weniger Auswahlmöglichkeiten, wenn ich mir das heutige Studiensystem anschaue. Ich habe einen Diplomstudiengang gemacht. Und was kommt nach dem Vordiplom? Na das Diplom, ist ja logisch! Punkt. Und man macht das im selben Studiengang. Heute kann ich nach dem Bachelorstudium einen Masterstudiengang wählen, der nicht so viel mit dem Bachelorstudium zu tun haben muss. Also ich finde, die Auswahl ist schon wesentlich größer als damals.

Absolut, die Auswahl ist unüberschaubar groß. Aber ob das das zentrale Problem ist, mag ich zu bezweifeln. Es gibt natürlich viele Studiengänge. Unis bieten dann Studiengänge wie Europawissenschaften an, die nicht auf einen konkreten Berufsweg hinführen, wo dann die Unis attraktiv sein wollen, aber Leute letztlich ins Abseits locken. Das finde ich, ist ein zentrales Problem. Aber wenn ich weiß, in welche Richtung ich will, dann ist es fast egal, ob ich diesen oder jenen Studiengang mache. Denn letztlich führt es ja immer wieder zu einem definierten Ziel. Wenn ich ganz orientierungslos bin, dann, klar, stehe ich vor zigtausend Möglichkeiten und das lässt mich dann paralysiert sein.

Wir reden jetzt ganz viel über Ausbildung, Studium und Beruf. Gibt es auch eine Orientierungslosigkeit in anderen Lebensbereichen? Zum Beispiel in Bezug auf Partnerschaft, Freundschaften… Hängt das zusammen?

Ich danke für die Aufzählung. Es geht letztlich auch um die Geschlechtsidentitätsfrage. Das ist das, was uns auf unseren Jugend- und Adoleszentenstationen beschäftigt, wenn auf 20 Betten zwei Leute kommen, die nicht wissen, ob sie nun Mann oder Frau, Junge oder Mädchen sind. Das betrifft alle Lebensbereiche: beruflich, sozial, sexuell, alles.

Sie haben Jugendliche hinsichtlich Orientierungslosigkeit untersucht, die psychisch erkrankt waren. Wir haben schon kurz darüber gesprochen. Für mich klingt es einleuchtend, dass man als psychisch Kranker eben keine Vorstellung davon hat, was man in der Zukunft machen will. Was unterscheidet denn Jugendliche mit und ohne psychische Erkrankung?

Da fange ich erstmal bei den Jugendlichen ohne psychische Erkrankung an. Wenn Sie in ein bayerisches Gymnasium, eine Fachoberschule, oder Realschule gehen, dann kann man natürlich fragen: „Wie belastet fühlen sich Jugendliche?“ Früher hat man gesagt, das sind die, die die höchsten beruflichen Ambitionen haben, die einen super Abschluss brauchen. Sophia Hillert hat eine ganze Menge Erhebungen zu dem Thema gemacht, und es kommt durchgehend durch alle Schultypen und alle Jahrgangsstufen heraus: Jugendliche, die nicht wissen, was sie nach der Schule wollen, fühlen sich in der Schule am meisten belastet, also am wenigsten leistungsfähig, am überfordertsten. Und wenn man das dann noch mit aktuellen Zielen und Werten korreliert, dann wird das nochmal schärfer. Der häufigste Wert heutiger gesunder Jugendlicher ist „Spaß haben“. Gefolgt von „Socializing“, also mit Freunden und mit Familie zusammen sein.

Und „berufliche Karriere“ und „Geld verdienen“ kommen ganz, ganz weit hinten. Und wie gesagt, ist das nicht eine Frage nur von Gymnasiasten aus Oberbayern, sondern das finden Sie auch in anderen deutschen Gebieten. Wir sind einfach eine sehr wohlhabende Gesellschaft, wo das, was uns in der Baby-Boomer-Generation oder die älteren Generationen mitgeprägt hat wie „Du musst was Gescheites lernen“ und „Ohne Beruf kannst Du nicht“, das ist als Szenarium ganz weit weg. Das wäre Punkt eins. Jugendliche, die nicht wissen, was sie im Leben wollen und dann noch eine hohe Spaßorientierung haben, sind die belastetsten Jugendlichen, die wir im Moment in Deutschland haben. Das finde ich wichtig zu betonen, weil der Klassiker bei Schülern ist: „Ich fühle mich Burnout.“ Dann kommen Ratschläge wie „Lern dich abgrenzen. Lern Nein sagen: Mach Dir weniger Stress.“ Das mag bei überforderten Babyboomern die richtige Strategie gewesen sein. Bei orientierungslosen Jugendlichen führt es in der Regel zu noch weiterer Orientierungslosigkeit. Also sich abgrenzen können, nein sagen können, ist eine gute Tugend, wenn ich weiß, wo ich hinwill und mich dann darauf fokussiere. Aber wenn ich das nicht weiß, dann kommt eine bodenlose Spaßorientierung heraus.

Das waren Untersuchungen an gesunden, nicht psychisch Vorbelasteten?

Ja, das waren Queruntersuchungen durch gesunde Schulklassen und Schulen. Und das kann man natürlich jetzt auf psychisch erkrankte Jugendliche übertragen. Wenn wir bayerische Gymnasiasten nehmen und Zehntklässler fragen, weiß die Hälfte nicht, was sie später im Leben macht. Und die sind dann besonders belastet.

Wenn Sie psychisch erkrankte oder belastete Jugendliche nehmen, also welche, die hier bei uns in der Klinik behandelt werden, sind das nochmal 10, 20 Prozent mehr. Und das Entscheidende ist, dass die Jugendlichen, die erkrankt und orientierungslos sind, die sind, die den längeren stationären Aufenthalt haben und den deutlich schlechteren Therapie-Outcome, sprich: die werden häufiger rehospitalisiert. Ist ja auch logisch: Wenn ich nicht weiß, wozu ich gesund werden soll, dann rutscht meine Diagnose und meine Patientenidentität stark in den Vordergrund. Frau Dr. Göre, mit der wir nachher sprechen werden, hat viel dazu geforscht. Und dann wird die Patientenidentität so bindend, dass sie, wenn man nichts macht, auf eine weitere Orientierungslosigkeit hinausläuft.

Das ist ein Teufelskreis.

Genau.

Sie haben mit Frau Dr. Göhre und Sophia Hillert ein Fachbuch geschrieben: „Jugend-Kompass – ein Präventions- und Gruppen-Therapie Manual für orientierungslose Jugendliche“. Darin schreiben Sie, dass Orientierungslosigkeit und das Erleben von Einsamkeit zusammenhängen.

Ist ja logisch. Worüber unterhalte ich mich? Wir hatten ja eben schon den häufigsten Wert von Jugendlichen „Ich will Spaß haben“ und „Ich will Socializing“. Aber bringt das einen tragfähigen Kontakt? Tragfähige Kontakte entstehen gemeinsam im Chor, in der Sportgruppe, in gemeinsamen Hobbys und Interessen. Dann habe ich eine Basis, worüber ich mich inhaltlich austauschen kann, und dann ist Einsamkeit weg.

Auch gemeinsam in einem Ausbildungsgang oder Studienplatz zu sein.

Klar, viele Themen, die uns gemeinsam beschäftigen, bilden dann soziale Gruppen. Aber wenn das Hauptinteresse ist „Wir hängen fünf Stunden im Internet, wir hören gern Musik und das war es“, wo sind dann Schnittmengen, die tragfähig sind? Es wird viel schwerer, aus der Einsamkeit herauszukommen, wenn man keine verbindlichen Interessen hat.

Prof. Dr. Dr. Andreas Hillert
Prof. Dr. Dr. Andreas Hillert, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und psychosomatische Medizin (Foto: Schön Klinik Roseneck)
Ja, das ist absolut verständlich, kann ich sehr gut nachvollziehen. Wenn jetzt ein Schüler oder eine Schülerin – abschlussnah – auf die Frage, was er oder sie nach dem Schulabschluss machen möchte, sagt „keine Ahnung“, wie viel Anteil an dieser Orientierungslosigkeit haben die Eltern?

Das ist eine schwierige Frage insofern, weil es so und auch anders sein sein. Die Eltern sollten sich fragen: „Welches Bild leben wir vor?“ In der Regel sind das Eltern, die einen Beruf haben. Wie reden die über ihren Beruf. Haben die ihre Kinder integriert? Haben sie die mal mit an den Arbeitsplatz genommen? Wissen die Kinder, was die Eltern tun? Und wie transportieren die Eltern ihr Bild vom Beruf?

Wenn ich als Papa jeden Abend zu Hause sitze und sage „Mein Beruf ist scheiße und alles ist ganz schlimm“, dann kann ich nicht erwarten, dass mein Kind dann sagt „Ich würde aber gerne in den Beruf gehen.“ Wenn Sie Jugendliche fragen, welches Bild sie von der Arbeitswelt haben, ist es oft ein eher negatives. Und ich glaube, da fängt dann Erziehung früh an. Wenn Sie als Eltern noch Kinder im Vorschul- oder Grundschulalter haben, nehmen Sie Ihr Kind mit an Arbeitsplatz. Es soll sehen, wie Mama und Papa arbeiten. Und vermitteln Sie ihnen, warum Sie den Beruf haben, warum der Spaß macht, so dass die Motivation nicht erst ein Jahr vor dem Schulabschluss erfolgt, sondern mitwächst. Und in der Regel sind Kinder ja interessiert, wie die Welt da draußen ist. Sie wollen ernst genommen werden und lassen sich gerne mitnehmen. Von unseren Patienten sind wenige an den Arbeitsplatz ihrer Eltern mitgenommen worden.

Ich erinnere mich an ein Beispiel aus Ihrem Buch, das war eine gestandene Geschäftsführerin. Also das sind ja Eltern, die durchaus was erreicht haben, die erfolgreich sind. Da müsste man doch meinen, sowas färbt auf Kinder ab.

Naja, die Eltern der älteren Generation haben natürlich viel für ihren Beruf eingesetzt, viel gearbeitet, haufenweise Überstunden gemacht, sich krummgelegt. Und wir mögen ja unsere Kinder und wollen, dass es ihnen später bessergeht. „Ich möchte nicht, dass Du, mein Kind, Dich so kaputt schuftest, wie ich das gemacht habe. Klammer auf: Aber eigentlich bin ich ganz zufrieden mit meinem Job und mit dem, was ich erreicht habe, aber ich möchte, dass Du es besser hast.“ Und das ist, glaube ich, eine Konstellation, die dazu beiträgt, dass Kinder und Jugendliche orientierungslos werden. „Ich möchte, dass Du es besser hast“ ist total nett gemeint, aber nicht die Realität. Das, was ich mir selber erarbeitet habe, kann ich dann auch genießen, darauf kann ich stolz sein. Die bedürfnisorientierte Erziehung in den letzten 20, 30 Jahren, wo das Kind alles serviert bekommt und geschont wird, führt eher in die Abseite. Dazu gibt es heute genügend Daten.

Vielleicht schlägt das Pendel auch wieder ein Stückchen zurück. Die Kinder und Enkel haben sich angeschaut, wie ihre Eltern und Großeltern geschuftet haben, und sagen sich: „So will ich nicht enden“. Ich kann das ein bisschen nachvollziehen. Ein Onkel von mir wusste kurz nach der Pensionierung nicht mehr, was er machen sollte, und verstarb innerhalb von drei Jahren.

Natürlich kann man das nachvollziehen. Das ist ja auch nicht böse gemeint, das ist auch gar kein Vorwurf. Es zeigt nur, wo gut Gemeintes hinführen kann, nämlich genau ins Gegenteil. Und die Balance liegt natürlich dazwischen. Es geht nicht darum, Jugendliche unter Druck zu setzen, blind und kaputt zu machen, sondern eine Balance zu finden zwischen Freiheit und eben auch der Verpflichtung, die wir alle unserem Leben gegenüber haben. Das kann man halt nicht wiederholen und auf Null drehen, wenn man es verbockt hat. Es geht darum, diese Verantwortung bewusst in die Erziehung zu integrieren, die jedes Kind hat.

Brauchen dann vielleicht erstmal die Eltern eine Art Coaching, um ihren Kindern Orientierung geben zu können, wenn das heute nicht mehr so der Fall ist?

Gelegentlich würde das sicher nicht schaden. Und sie brauchen vor allem den Mut, solche Themen, wie wir sie hier am Wickel haben, dann auch ihren Kindern gegenüber zu kommunizieren.

Vielleicht mal ganz allgemein: Die Gesellschaft ist natürlich eine heterogene Geschichte. Es gibt in unserer Gesellschaft noch traditionelle bürgerliche Gruppen, in denen es eher wie bei uns damals bei den Babyboomern zugeht, wo die Jugendlichen kaum orientierungslos sind. Klammer auf: Wenn die hierher als Patienten kommen, haben die einen viel besseren Therapieverlauf. Aber da gibt es natürlich auch Jugendliche, die eher darunter leiden, weil der Papa schon gesagt hat „Du übernimmst mal die Firma“, und die Freiheitsgrade ziemlich eingeschränkt sind.

Aber dann gibt es große Gruppen in diesem modern sozialisierten Spektrum, wo die Erziehung eher so ist: „Hauptsache Du bist glücklich, mein Kind. Mach was Dir Spaß macht.“ Das sind Leute, die durchaus aus dem wirtschaftlichen Mittelstand oder aus sehr guten Verhältnissen kommen. Diese Eltern sind besonders wohlmeinend, aber das führt dazu, dass uns ein Großteil der Generation wegbricht. Es gibt eine schöne Studie aus Hamburg, COPSY-Studie, wo die Kollegin die Feststellung trifft: Ein Drittel der Jugendlichen wird auf Dauer nicht arbeitsfähig werden. Und das trifft eben nicht nur Kinder aus prekären, schlechten sozialen Verhältnissen, die es immer gab, sondern eben auch relativ viele Kinder aus wirtschaftlich guten, hochliberalen, hochidealistischen, hochhedonistischen Gruppen.

Nehmen wir uns mal ein Elternpaar vor, das ihrem Kind nicht so viel Orientierung gegeben hat. Kann man damit auch noch später anfangen oder sagen dann die Jugendlichen „Das finde ich jetzt nicht authentisch, dass du mir jetzt, wo ich 17, 18 bin, sagen willst, was ich denn machen kann, weil 17 Jahre lang hast Du mir auch keine Orientierung gegeben“?

Die Skizze, die Sie hier geben, ist sehr authentisch. Gut, kann man sagen, es ist nie zu spät. Und dann kann man natürlich auch authentisch sagen: „Du, ich war davon ausgegangen, ich will Dir hier keinen Druck machen. Aber ich habe jetzt gemerkt, dass das auf Dauer nicht unbedingt die beste Lösung ist. Und jetzt mal Karten auf den Tisch. Meine Berufsbiografie sieht so aus.“ Es gibt Jugendliche, die gar nicht richtig wissen, was ihre Eltern machen. Ein Begriff wie „Key Account Manager“ sagt einem ja nichts. Wenn ich Schreinermeister bin, da kann sich das Kind etwas vorstellen. Aber was tut ein Manager in welcher Spezifität auch immer? Und dann nehmen sie Ihre Kinder mit. Und wenn das Kind 17 ist, dann ist das Kind halt 17.

Es ist nicht unproblematisch von sozialen Schichten oder Milieus zu sprechen, aber trifft die Orientierungslosigkeit eher Jugendliche aus wohlhabenden/gebildeten oder aus ärmeren/weniger gebildeten Familien?

Das Problem ist nicht arm oder reich, es geht mehr um diese hedonistische Grundhaltung.

Die gibt es in allen Schichten?

Die gibt es in allen Schichten. Je wohlhabender aber ein Jugendlicher ist, umso mehr Freiheitsgrade hat er, in denen er sich auch verlieren kann. Das Problem, was wir gerade in der Klinik Roseneck mit Adoleszenten haben, sind Jugendliche, die aus eher vermögenden Verhältnissen kommen. Die viele Freiheiten haben, die in der Welt rumreisen können, die sehr viel mehr Optionen haben und entsprechend sehr viel mehr Schwierigkeiten, sich zu entscheiden.

Wir haben gerade über Milieus gesprochen. Wir reden hier von Deutschland, vielleicht auch von der westlichen Hemisphäre. Ist Orientierungslosigkeit eher ein Problem westlicher Kulturen? Wie sieht es mit anderen Kulturen aus?

Einerseits ist es sicher ein Problem der westlichen Kulturen, aber es gibt eine sehr schöne Studie, die Sophia Hillert in Shanghai gemacht hat. Und zwar in reichen Vororten von Shanghai, die sicher auf dem gleichen wirtschaftlichen Level wie Oberbayern liegen. Und dort haben wir parallel zu den deutschen Gymnasiasten chinesische Gymnasiasten untersucht. Das sind in der Regel Ein- bis maximal Zwei-Kind-Familien mit einem hohen wirtschaftlichen Standard. Ergebnis Nummer eins ist: Chinesische Gymnasiasten fühlen sich signifikant weniger belastet als deutsche Gymnasiasten, was, wenn man das chinesische Schulsystem kennt, erstmal ein paar Fragezeichen aufwirft.

Das ist wesentlich direktiver, gell?

Ja, wesentlich direktiver. Und da hängt das ganze Familienwohl dran, und wenn sie da scheitern, ist es eine Blamage für die ganze Familie. Der Wissensstand, wenn man die PISA-Studie anguckt, die ja gerade gekommen ist, ist in diesen Ländern exorbitant höher als in Deutschland. In Deutschland jammern wir über den Leistungsdruck in den Schulen, aber wenn man das mit Shanghai und China vergleicht, ist es eine ganz andere Dimension. Das ist Punkt eins.

Punkt zwei: Chinesische Gymnasiasten wissen genauso wenig oder viel wie deutsche Gymnasiasten, wo sie hinwollen. Rund 50 Prozent können auf die Frage „Was machst Du nach dem Schulabschluss?“ einen konkreten Beruf nennen. 50 Prozent tun es auch dort nicht. Aber es gibt ein paar Unterschiede. Zum Beispiel: Was sind die Hobbys von deutschen Schülern? Musik hören und mit Freunden treffen. Hobbys von chinesischen Jugendlichen: Sport im Verein machen und Musik spielen. Also eher aktive als passive Hobbys. Auf die Frage „Gehst Du gern zur Schule?“ antworten 80 Prozent der Chinesen mit „ja“. Bei den Deutschen sind das nur 20 Prozent. Also Bildung hat einen ganz anderen Wert.

Und dann noch die entscheidende Frage: „Wenn Du nicht weißt, was Du beruflich machst, tust Du, was Deine Eltern sagen?“ Die meisten Chinesen würden das tun. Da wären wir wieder bei der Babyboomer-Generation. Wenn ein chinesischer Jugendlicher nicht weiß, was er will, aber die Mama sagt „Tochter, Du wirst Lehrerin“, dann wird diese Tochter Lehrerin. Und die chinesische Mama wird das auch sagen, bevor das Kind rumhängt. Die deutsche Mama wird sagen: „Du, das musst Du selber wissen, und jetzt guck mal.“ Das sind diametrale Unterschiede. Und das zeigt, wie wichtig der soziale Background und die sozialen Normen sind, um Menschen zu strukturieren. Also Orientierungslosigkeit alleine ist nicht das Problem, wenn die Gesellschaft strukturiert. Wenn die Gesellschaft das nicht tut, wie bei uns im Westen, dann wird es zu einem gravierenden Problem. Das heißt jetzt nicht, dass wir hier chinesische Verhältnisse einführen sollen und können. In China gilt mehr das Konfuzius-Prinzip: Die Familie zählt alles. Und Du bist nur ein Teil der Familie.

Auch die Gesellschaft an sich ist in asiatischen Kulturen viel wichtiger.

Klar, also viel weniger Individualismus als bei uns. Das zeigt eben, dass Leistung keine absolute Größe ist, sondern es jeweils auf den Kontext ankommt. Wir bräuchten wahrscheinlich mehr Strukturen für heranwachsende Generationen oder Programme, die sie dorthin führen und das Defizit ein Stück weit ausgleichen. Die gibt es aber bisher noch nicht in der Breite.

Vielen Dank, Herr Professor Hillert. Das war für mich sehr erhellend. Und jetzt schauen wir uns an, was man tun kann, damit Heranwachsende Orientierung finden. Und das wird uns Frau Dr. Carolin Göhre beantworten. Sie ist Fachärztin für psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Chefärztin an der Klinik Chiemsee-Winkel in Seebruck. Hallo Frau Dr. Göhre.

Hallo, ich freue mich sehr.

Ich freue mich auch. Heute ist es ja durchaus üblich, vor allem bei Gymnasiasten, dass nach dem Schulabschluss ein Gap Year eingelegt wird, um sich zum einen von den Strapazen der Abschlussphase zu erholen und sich zu orientieren. Meine Kinder haben das auch machen dürfen. Was gibt es aus therapeutischer Sicht dagegen zu sagen?

Die Frage ist: Was ist denn der Auftrag? Gehe ich ein Jahr nach Australien, um mich zu erholen und die Orientierung zu finden, dann sage ich: ganz schlechte Idee. Strapazen nach dem Abi? Okay. Brauche ich dafür ein Jahr? Das würde ich mal infrage stellen aus therapeutischer Sicht? Nein. Die zweite Frage ist: Wenn ich immer mehr in dieses Tagträumen reinkomme, wie kriege ich irgendwann wieder eine Struktur hin? Dann kommt die Uni, und ich soll plötzlich todesmotiviert morgens um sieben aus dem Bett springen. Das funktioniert nicht. Also stellen wir das Gap Year sehr in Frage.

Ich würde immer den zeitlichen Rahmen betrachten und was ich in dieser Zeit mache. Das Work-and-Travel-Prinzip, wo ich arbeite, eine Struktur habe, etwas kennenlerne und mir unterschiedliche Berufe anschaue, dazu sagen wir aus Orientierungslosigkeitssicht: super. Ich finde wichtig, dass das Ganze auch irgendwann zu Ende ist und man sagt „Danach geht es für mich dann und dort weiter“. Ansonsten verfalle ich ins Träumen, mache eins nach dem anderen und werde nicht die Erleuchtung finden.

Wir haben unseren Kindern drei Bedingungen genannt: Du machst einen Führerschein, das ist auch schon eine Qualifikation. Du suchst Dir einen Minijob und Du machst Praktika, um Dich zu orientieren, was Du denn studieren willst.

Ja, super, finde ich gut.

Und das hat auch gut hingehauen. Ich wurde damals von der Bundeswehr ausgemustert, war wahnsinnig überrascht und stand dann da im Juli nach dem Abitur und musste mir einen Studiengang suchen. Und habe dann einen gewählt, der eben ein Fehler war. Mir hätte so ein Jahr mit Praktika auch gutgetan. Deswegen habe ich mir gedacht, vielleicht ist das eine gute Strategie.

Das würden wir sofort unterschreiben, wenn ich mir unterschiedliche Berufe anschaue und Praktika sammele und Erfahrungen mache. Praktika sind häufig schon ein Einstellungs- oder Annahmekriterium bei bestimmten Universitäten. Diese befürworten wir total. Wenn ich aber, und da schließt sich der Kreis zu dem, was Professor Hillert vorhin gesagt hat, wohlhabende Eltern habe, die sagen „Hey, mach erstmal Urlaub. Erhol Dich ein ganzes Jahr. Steig in unterschiedlichen schönen Hotels weltweit ab“, dann ist es schwierig, ein Studium anzufangen und, geschweige denn, irgendwann zu arbeiten und selber Geld zu verdienen.

Ja. Man hat doch in der Schule berufsorientierende Einheiten gegen Ende der Schullaufbahn. Ich kann mich erinnern: In der Regel kommt dann ein Berufs- und Studienberater der Agentur für Arbeit in die Klasse. Warum erfüllt diese Beratung nicht den Zweck der Orientierung? Dafür ist sie doch eigentlich da.

Das ist eine spannende Frage, die ich in meiner Studie auch den Jugendlichen häufig gestellt habe, im Sinne von „Ihr habt das doch alle irgendwie gehabt“. Da gab es die wildesten Vermutungen, ob in diesen Beratungen immer das aufploppt, was wir gerade in Deutschland am meisten brauchen, denn überproportional viele sollten in die Pflege gehen. Häufig haben die Jugendlichen auch gesagt, dass man nicht wirklich etwas über den Beruf lernt. Es geht nicht um meine eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten, sondern ich höre: „Das ist der Beruf.“ Das kann ich inzwischen auch alles googeln. Also die haben sich nicht abgeholt gefühlt.

Was ich spannend fand: An dem Gymnasium meiner Tochter wurden Eltern unterschiedlicher Berufsgruppen im Rahmen dieser Berufsorientierungsprogramme an die Schulen eingeladen. Da hat mir die Hälfte der Schüler*innen nicht zugehört, die andere Hälfte war am iPad. Das Format war so, dass ich gesagt habe: Das mache ich genau einmal und dann nie wieder, weil da einfach gar kein Interesse ist. Das fängt glaube ich vorher schon an.

Ich erzähle mal aus dem Programm Jugend-Kompass und pick mir einzelne Stunden heraus. Ich habe die Teilnehmer*innen gefragt, welche Assoziation sie zum Thema Beruf haben. Und da kam als Allererstes „Nervig, ätzend, Burnout, Stress“. Wenn das die Erwartungshaltung unserer Jugendlichen ist, dann kann sich da sonst wer hinstellen und erzählen „Es gibt den Beruf und den Beruf.“ Da ist keinerlei positive Assoziation dabei. Wir haben es ja auch statistisch gemessen und evaluiert, wie negativ unsere Jugend Beruf an sich sieht. Arbeit ist total negativ besetzt. Da kommt so etwas wie Selbstwirksamkeit und Erfolgserleben gar nicht vor. Es ist einfach irgendwas, was ich machen muss, um Geld zu verdienen. Alles andere haben die nicht auf dem Schirm. Das ist nichts, was die umreißen können.

Und dafür haben wir diese tolle Intervention gemacht, dass wir eine Stunde einen Wettkampf zum Thema Arbeit veranstalten. Sprich, wir teilen die Gruppe in zwei gleich große Minigruppen und machen ein Wahlkampfprogramm. Die eine ist voll pro Arbeit und die andere ist absolut gegen Arbeit, damit die überhaupt erst mal umreißen, wie groß der Bereich Arbeit eigentlich ist. Was bedeutet das, wenn ich keinen Beruf habe? Wenn ich keine Kollegen treffe? Wenn ich kein Erfolgserleben habe? Wenn ich nichts Sinnstiftendes habe? Da sagen viele: „Das mache ich in der Freizeit.“ Ja, machen sie aber nicht. Diese Debatte dauert eine Stunde.

Das ganze Programm ist auf mindestens sechs Doppelstunden angelegt. Man kann es aber auch ausbauen. Sie machen ja ganz unterschiedliche Dinge, um eine Orientierung herauszukitzeln. Was gibt es da noch?

Es fängt am Anfang mit der Frage an: „Was habe ich davon, dass ich krank bin? Was ist so der Gewinn aus der Erkrankung?“ Es klingt im ersten Moment völlig skurril, aber viele sagen dann: „Ich erlebe eine totale Entlastung. Ich kann mich jetzt nicht entscheiden, was ich nach dem Abitur mache. Oder ich kann mich nicht entscheiden, ob ich noch in die Schule gehe oder nicht. Ich bin ja erstmal krank.“ Das Ganze wird natürlich total von Eltern befeuert, die besorgt sind und sagen: „Kind, das hört auch jetzt alles auf mit Schule. Du wirst erstmal gesund.“ Das treibt die weiter in die komplette Orientierungslosigkeit bis hin zur Identitätslosigkeit, weil ich bin am Ende nur noch krank, die/der Kranke.

Das ist keine Identität, die ich gerne haben möchte, während alle anderen an mir vorbeiziehen. Die haben Ideen, die machen Praktika, die treffen Freunde. Das habe ich alles nicht. Das ist Punkt eins. Punkt zwei ist dann zu gucken: Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten habe ich überhaupt? Das machen wir in Form eines Interviews, weil die sich schwer damit tun, überhaupt miteinander zu sprechen. Wir schreiben und schreiben können wir alles und das ist relativ easy. Und Rechtschreibung gibt es auch nicht mehr. Also: „Redet miteinander.“ Das heißt, sie sollen sich gegenseitig interviewen.

Wir haben in dem Programm das große Thema „Wir gehen auf eine Afrika-Reise“ beziehungsweise sage ich „Stellt euch irgendeinen Urlaubsort vor, wir müssen nur festlegen, wohin wir fahren. Und wenn ihr alle gesund seid nach der Klinik, chartre ich einen Flieger und wir steigen alle ein und los geht’s.“ Und da gibt es eben die Frage, warum wir denjenigen mitnehmen sollten? Was kann der? Was bringt der uns? Was hat der für Fähig- und Fertigkeiten?

Das ist nicht ohne. Also das heißt, in der Gruppe wird besprochen: „Ich kann das. Du kannst das. Und das könnten wir für die Reise einsetzen.“

Das ist hochgradig spannend, weil am Anfang schon die Frage steht: Wie gehen die miteinander in den Kontakt? Und unsere depressiven, vorrangig essgestörten Jugendlichen sagen meist: „Ich kann nichts und ich bin nichts.“ Und dann sagen wir: „Komm, Du sprichst doch bestimmt eine Sprache oder Du kochst gern.“ Am Ende nehmen wir natürlich alle mit. Diese Reise zieht sich durch das Programm wie ein roter Faden, weil die Frage, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten ich mitbringe, natürlich auch entscheidend dafür ist, was ich beruflich machen will.

Ein Beispiel: Das Kind kommt und sagt „Ich möchte unbedingt Autoverkäufer werden“. Und die Eltern wissen: Der hat Angst vor Kontakt mit anderen, ist schüchtern im Umgang, fremde Leute sind für ihn ganz schwierig. Das ist das Kind, was sich immer hinter uns versteckt, und das noch mit zwölf. Dem kann ich doch nicht sagen: „Ja, bitte, werde Autoverkäufer.“ Der wird nie erfolgreich sein. Das haben wir dann auch mit den Eltern nachbesprochen.

Dann ist eine ganz spannende Stunde in dem Programm, in der wir durch die Epochen gehen. Immer drei Teilnehmer*innen sind einer Epoche zugeordnet, und zwar Steinzeit, Mittelalter, Kapitalismus, und Postmoderne. Und dann mit der entscheidenden Frage: Was passiert mit einem Jugendlichen in der Steinzeit, der sagt „Liebe Sippe, ich habe keinen Bock mehr, ich mache jetzt nichts“?

Ich könnte mir vorstellen, dass diese Stunde vielleicht an den Geschichtsunterricht erinnert und die Jugendlichen sagen: „Bitte diese Einheit nicht.“ Oder wie kommt diese Übung an?

Ja, das ist tatsächlich eine Stunde, wo sie immer sagen: „Das kommt uns vor wie in der Schule.“ Aber sie versuchen, sich in die Rollen hineinzuversetzen. Wie ist es in der Epoche gewesen? Das ist spannend. Und spätestens ab der Kapitalismus-Epoche sind sowieso alle „on fire“ und sagen „Wir leben ja heute noch im Kapitalismus“. Da geht schon auch eine politische Diskussion los.

Ich muss lachen, wenn ich an einen orientierungslosen Jugendlichen in der Steinzeit denke. Da gab es, glaube ich, nicht viel zu reden. Da ging es schlicht ums Überleben.

Ja, in dieser Epoche gab es eine ganz klare Orientierung. Aber was gerade im Rahmen dieser Stunde dann aufploppt, ist diese, wir nennen es liebevoll, Wohlstandsverwahrlosung. Es ist ja auch schwierig, sich über bestimmte Dinge zu freuen, weil ich theoretisch rund um die Uhr alles machen kann, wenn ich eine Kreditkarte habe oder ein Handy, wo die Kreditkarte drauf ist. Und das nehmen die schon wahr und sagen „Erdbeeren sind nichts Besonderes im Sommer, weil die kann ich ja auch an Silvester essen.“ Also die Jugendlichen kann man schon gut abholen, wenn sie sich in diese unterschiedlichen Rollen hineinversetzen können.

Weil sie dann auch mitbekommen, dass es zu anderen Zeitaltern anders war, nämlich viel rigider. Zum Beispiel, wenn Du in ein System hineingeboren wurdest, wo es klar war: Der Bub wird Schmied. So wie der Vater und der Großvater auch und der davor auch.

Ja, und gleichzeitig versuchen wir ihnen auch zu vermitteln, dass es ein Stück weit eine Erleichterung war. Wenn ich in diesem Zeitalter gelebt habe, wo Gott oder der Glaube vorgegeben hat, wo ich hineingeboren werde, war es schwer, da herauszukommen. Also lebe ich damit. Es ist halt meine Leitplanke. Wenn ich in einer Bauernfamilie hineingeboren bin, ist es schwierig, dass ich irgendwann Papst werde.

Insofern ist das etwas Anderes als die heutige Zeit, in der wir, glaube ich, 73.000 verschiedene Studiengänge haben. Die Hälfte der Studierenden sind Abbrecher, so die Dunkelziffer. Also die Auswahl ist enorm, aber ich bin auch nicht in der Lage, Entscheidungen zu treffen, weil dann, wenn ich mich für etwas entscheide, muss ich mich gegen andere Sachen entscheiden. Das kann ich gar nicht, weil ich ja alles will.

Ja, dafür gibt es einen schönen Jugendbegriff, FOMO, Fear of Missing Out. Und, ehrlich gesagt, kenne ich das von mir auch ein bisschen, aber ich kenne das vor allem von der jungen Generation. Und ja, Entscheidung heißt dann auch: Da fallen dann Optionen weg.

Ja, definitiv. Kommen wir nochmal zum Jugend-Kompass zurück: Die fünfte Stunde ist die, die am besten von den Jugendlichen bewertet wurde. Und die dreht sich um das Thema „Sinn des Lebens“, wo wir uns am Ikigai-Modell bedienen. Ikigai, Sinn des Lebens, kommt aus dem ostasiatischen Raum und stellt vier Fragen, die nicht so schwer zu verstehen sind: 1. Was kann ich gut? Da sind wir wieder bei den Fähig-und Fertigkeiten. 2. Was mag ich? Wofür habe ich eine gewisse Leidenschaft? Diese beiden Fragen kennt man, wenn man über den Sinn des Lebens spricht: „Mach, was Du gut kannst und wobei Du Spaß hast.“

Aber was ist der Unterschied? Ikigai nimmt noch die Gesellschaft mit hinein: 3. Was ist Dein Beitrag zur Gesellschaft? Was kannst du machen, was die Welt braucht? Und 4.: Womit kannst Du Geld verdienen? Und wenn man sich diese beiden letzten Fragen auch noch in den Sinn ruft, dann fällt ganz viel, was die Jugendlichen vielleicht vorhaben, heraus. Wir brauchen nicht den 10. Schmuckladen in Berlin. Keiner wird Deine selbstgemachten Perlen kaufen. Mach es in der Freizeit, wenn es Dein Hobby ist. Aber damit wirst Du eine Familie nicht ernähren können. Und das stellen wir in den Raum.

Dann gibt es die sogenannte Rückmeldegasse, wo wir konkrete Berufsideen haben wollen. Was ist der Vorschlag von der Gruppe? Die kennen sich alle, weil sie wochenlang gemeinsam auf der Station sind. Und redet bitte mit Euren Eltern, dass Ihr zur nächsten Stunde einen ganz konkreten Berufsvorschlag Eurer Eltern mitbringt. Und ich möchte nicht hören: „Mach irgendwas mit Tieren, weil du magst unsere Katze gern.“ Sie lachen, aber bis wir Eltern dazu bringen, einen Beruf für das Kind auszusprechen, da weiß ich gar nicht, wie viele Telefonate es dafür braucht.

Die können sich auch nicht entscheiden. Oder sie wollen keinen Druck machen.

Genau, und sie haben auch keine Idee. Die Frage ist: Wie gut kenne ich mein Kind, dass ich überhaupt sagen kann „Ja, mach das“?

Dr. Carolin Göhre
Dr. Carolin Göhre, Fachärztin für psychosomatische Medizin und Psychotherapie (Foto: Klinik ChiemseeWinkel)
Können Sie noch etwas zur Rückmeldegasse sagen? Was passiert da?

Bei der Rückmeldegasse bitten wir die Patienten, einen konkreten Berufsvorschlag für die Mitpatientin oder den Mitpatienten zu nennen, anhand dessen, wie sie ihn oder sie auf der Station, in der Freizeit und in den anderen Gruppen wahrnehmen. Und wie das zusammenpasst mit den im Interview aus der ersten Stunde genannten Fähigkeiten und Fertigkeiten. Zum Bespiel: „Wir haben doch gesagt, die ist gut im Kontakt mit anderen, die kann einige Sprachen. Was wäre von Eurer Seite ein konkreter Berufsvorschlag?“ Und das wird dann in der sechsten und letzten Stunde nochmal alles zusammengetragen, auch mit der Rückmeldung der Eltern.

Und dann reisen wir fiktiv in die Zukunft und treffen uns alle 60 Jahre später. Die Frau Göhre kommt mit grauen Haaren und Rollator angefahren, und dann schauen wir uns an: „Was habe ich erreicht?“ „Und Ihr tragt in der Rede an Euer Leben vor, was Ihr gemacht habt. Je konkreter, desto besser.“ Die Teilnehmer schreiben das auf. Und dann war die Idee, dass wir den Jugendlichen das ein Jahr nach Klinikaufenthalt hinterherschicken und fragen: „Wie schaut es bei Euch aus?“ Ich bin tatsächlich mit vielen noch in Kontakt und frage immer nach. Manchmal schreiben mir auch ehemalige Patienten „Ich habe das Studium fertig“ oder „Ich habe die Schule gemacht und bin jetzt in der Ausbildung“.

Das ist motivierend.

Das ist total schön, ja.

Jetzt reden wir von einem Programm, das in der Klinik für die Klinik entwickelt wurde. Es kann auch, habe ich gelesen, in Schulen oder in Sozialeinrichtungen umgesetzt werden. Aber gibt es etwas aus diesem Ansatz, das man auch außerhalb dieses Programms im Alltag machen kann? Ich stelle mir vor, ich wäre ein Vater und denke, mein Kind ist orientierungslos, aber es muss nicht in eine Klinik.

Im Endeffekt ist es ja genau das: Mit den Kindern in Kontakt gehen und überhaupt mal sagen: „Pass auf, ich glaube, das ist Deine Stärke und das ist eher so Deine Baustelle. Das würde ich Dir als Feedback mitgeben. Wo sind denn Deine Interessen? Was können wir uns vorstellen?“ Einfach überhaupt darüber reden und nicht sagen „Kind, Hauptsache, Du wirst glücklich. Mach, was Du möchtest.“ Das ist schwierig. Und ich bin auch der Meinung, die Eltern haben Angst, mit den Kindern aneinander zu geraten, mit den Kindern wirklich in Konflikt zu gehen und zu sagen „Nee, ich glaube, das wird nichts.“

Ich habe Zwillinge, die sind zwölf. Mein einer Sohn war eine Zeit lang der Meinung, er wird der neue Kobe Bryant und wird Basketballstar.

Ja, wenn er zwei Meter groß ist und super sportlich.

Er ist riesig, er ist, glaube ich, auch sogar talentiert, aber am Ende sage ich: „Mach das, geh in den Verein und mach Dein Training. Ich fahre Dich zu jedem Spiel, aber bitte mach doch die Schule weiter und mach Dein Abitur. Komm irgendwie zu Potte und hab wenigstens einen Plan B.“ Das heißt ja nicht, dass ich das dem Kind aktiv ausrede. Aber wenn ich Ikigai heranziehe und überlege, ob die Welt meinen Sohn in Amerika in der Basketball-Liga braucht und ob er damit Geld verdienen kann, komme ich zu dem Schluss: schwierig, aber hobbymäßig total cool. Und das ist auch etwas, was wir den Eltern definitiv mitgeben würden: Fördert die Hobbys. Sagt, was Euer Kind gut kann. Und wenn es gerne singt, sagt ihm: „Geh in den Chor, aber Du bist nicht der neue Opernstar.“

Man kann als Eltern vielleicht gar nicht so viel falsch machen. Denn selbst wenn ich sage „Ich könnte mir vorstellen, dieser oder jener Beruf wäre toll für Dich“, dann hat das Kind etwas, an dem es sich reiben kann. Ich zum Beispiel habe es bei meinen Kindern mit Medizin versucht. Hat leider nicht funktioniert. Also ein Vorschlag der Eltern, der nicht gut ist in der Vorstellung des Kindes, kann ja dazu führen, dass das Kind sagt „Bevor sie mir sowas aufdrücken, überlege ich mir etwas Anderes“.

Ja, ganz genau. Falsch ist nur: „Hauptsache Du wirst glücklich, und wir sind raus. Triff Deine eigenen Entscheidungen. Wir geben Dir 0,0 Orientierung, außer ganz viel Geld, und Du kannst machen, was Du möchtest.“ Ich glaube, das ist einer der größten Fehler, den Eltern machen können. Wir haben ja hinterher auch im Rahmen der Studie mit allen Eltern reden müssen, und ich habe oft gesagt: „Der schlimmste Satz, den ich einem Kind sagen kann, ist: `Mach, was Du willst, Hauptsache Du bist glücklich.´“

Das zeigt vielleicht auch ein bisschen Interesselosigkeit oder wenig Anteilnahme am Leben der Kinder.

…und den freien Fall. Ich schubse sie ja irgendwie raus aus dem Nest und sage „Mach, aber ich sage Dir nicht was und ich sage auch schon gar nicht, nein das nicht.“ Da sind wir wieder bei den Studienfächern. Wenn das Kind kommt und hat einen absolut fancy Studiengang ausgewählt, wie ostasiatische Lebenskultur im Bachelor und als Nebenfach Skandinavistik, da würde ich als Eltern tatsächlich fragen: „Kind, erstens, wie passt das zusammen, und zweitens, was machst Du denn damit? Was ist am Ende der Beruf, der da rauskommt?“ Ansonsten habe ich auch ständig Leute, die zehn mega-coole Studiengänge studiert haben, im Idealfall auch noch fertig, fünf verschiedene Bachelor und drei verschiedene Master, aber keinen Job.

Ja, und zurzeit ist es wirklich richtig schwierig auf dem Arbeitsmarkt. Wann ist Orientierungslosigkeit bei Jugendlichen eine normale Phase, bei der Eltern den Kindern Zeit geben sollten – und wann ist der Punkt erreicht, an dem man sich therapeutische Unterstützung holen sollte?

Da landen wir am Ende bei der Einstiegsfrage an Professor Hillert. Also dann, wenn depressive Verhaltensweisen hinzukommen, das Kind sich auf Alternativprogramme stürzt, sich wahnsinnig viel mit Essen oder Körperbild beschäftigt oder sich immer mehr von Freunden isoliert und in den Rückzug geht oder ihm ganz viel Angst macht. Sprich bei allen Verhaltensweisen, die einem als Eltern Bauchschmerzen machen, und wo sie spüren: Irgendwas passt nicht. Dann würde ich mir immer therapeutische Unterstützung holen und wenn es nur ein Erstgespräch ist, in dem man den Eltern sagt: „Passt auf dieses und jenes auf.“

Vielen Dank, jetzt habe ich noch eine Abschlussfrage an Sie beide und ich fange mit Ihnen, Frau Dr. Göhre, an. Was glauben Sie: Wie wird sich das Thema Orientierungslosigkeit bei Jugendlichen in den nächsten zehn Jahren entwickeln?

Das ist eine spannende Frage. Ich bin mit meiner Tochter und deren Freundeskreis, die alle jetzt Abitur machen, im Konflikt, weil die sagen: „Das ist alles vorbei. Wir sind jetzt alle so krass orientiert.“ Ich glaube, dass das schwierig ist, aber dass wir vielleicht die Kurve tatsächlich noch kriegen, indem wir einfach immer wieder unsere Kinder fragen: „Was willst Du mit Deinem Leben eigentlich machen?“

Und ich glaube, dass sich die Orientierungslosigkeit verschiebt. Bei mir in der Klinik – wir sind eine Privatklinik – haben wir eher Management-Klientel und deutlich mehr männliche als weibliche Patienten. Das heißt: Wir haben auch eine Orientierungslosigkeit in der Lebensmitte.

Oh ja, deswegen mache ich den Podcast auch. (lacht)

Also diese Lebensübergangsphasen sind schwierig. Es gibt jetzt diese neuen Begriffe wie Life Transitions, Midlife Crisis, Empty-Nest-Syndrom. Und ich würde noch weitergehen: Es ist auch schwierig, irgendwann in den Ruhestand zu gehen. Was mache ich denn, wenn ich mich dann mit meiner Partnerin oder mit meinem Partner nicht verstehe? Dann ist es zuhause auch noch furchtbar. Dann sind plötzlich beide zu Hause und haben keine Aufgabe mehr. Also ich glaube, dass die Orientierungslosigkeit durch viele Phasen gehen kann und dass das auf unsere therapeutische Arbeit zukommen wird. Das heißt, dass wir beispielsweise untersuchen müssen, was hinter einer Depression tatsächlich steckt. Ist es eine empfundene Sinnlosigkeit? Ist es eine Orientierungslosigkeit? Ich habe monetär vielleicht ganz viel erreicht, habe aber den Sinn noch nicht gefunden. Ich glaube, dass uns das Thema weiterverfolgt und nicht nur auf Jugendliche und junge Erwachsene begrenzt bleibt, sondern alle Altersparten betrifft.

Vielen Dank, Frau Dr. Göre. Und jetzt möchte ich natürlich auch noch wissen, was Sie, Herr Professor Hillert, dazu sagen: Was ist Ihre Einschätzung, wo wir in zehn Jahren stehen?

Ja, in unserer schwer berechenbaren Zeit kann man nur spekulieren. Wir kriegen zunehmende Unsicherheit in der Gesamtgesellschaft, was die Zieldimension anbelangt. Keiner glaubt mehr, dass sich die Erfüllung der Welt in der Demokratie und in Slogans wie „alle sind reich“ und „alle haben keine Probleme“ ergibt, sondern es wird spürbarer, wie eng das Korsett wird und dass auch Jugendliche heute mehr das Gefühl haben, sich positionieren zu müssen. Da haben wir zwei gegenläufige Bewegungen. Und wie es dann ausgeht? Ich traue mich nicht, eine Einschätzung abzugeben. Ich bin verhalten vorsichtig.

Es gibt so viel umzubauen in der Gesellschaft, auch was die Sinndimension anbelangt. Wir haben ihn über Jahrzehnte systematisch abgeschafft. Ich kann mich dem nur anschließen, was Frau Dr. Göhre gesagt hat. Man geht in den Ruhestand. Was macht man dann? Man fährt mit dem Wohnmobil einmal durch Europa. Dann hat man alles durch. Und was macht man dann? Was beschäftigt Menschen? Briefmarken sammelt keiner mehr. Wir haben Sport und sonst eigentlich nichts mehr an Hobbys. Womit definiere ich mich dann als Person? Vereine verlieren an Mitgliedern.

… und Kirchen sowieso.

…Kirchen sowieso. Alles, was verpflichtend, sinngebend wird, lehnen wir ab, weil das unseren Individualismus einschränkt. Aber damit verlieren wir halt auch die Sinnhaftigkeit und die Basis, die Gemeinschaft begründet. Wir haben im Moment eine Gesellschaft, die irgendwie in alle Richtungen auseinanderfliegt. Ohne eine Selbstverpflichtung zur Gemeinschaft, auch auf das Risiko hin, Freiheiten zu verlieren und mehr zu investieren, als ich rauskriege, wird man auf Dauer keine Sinnhaftigkeit finden können.

Titelfoto von Christian Erfurt auf Unsplash

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